ein besuch bei roma in odessa

Nachdem ich acht Monate in Uzhgorod, der Hauptstdt Transkarpatiens im Westen der Ukraine wohnte und dort in verschiedenen Roma NGOs aushalf, bekam ich Besuch aus Deutschland. Wir beschlossen spontan nach Odessa zu fahren um einen Vorgeschmack auf den nahenden Sommer zu bekommen. Aladar, einer der NGO Leiter aus Uzhgorod bot sofort an seine Freunde dort zu kontaktieren und so wurden wir am nächsten Morgen von Nikolaj, dem Leiter der größten Roma NGO in Odessa am Bahnhof abgeholt. Er begrüßte uns im dezenten Anzug, war freundlich und zurückhaltend und wenn er lächelte blitzte eine Reihe Goldzähne auf. Gerne wollte er uns mit zu sich nach Hause nehmen, aber er wohne selbst bei Freunden, weil er sich gerade von seiner Frau getrennt habe. So suchten wir gemeinsam ein Hotel und verabredeten uns für den nächsten Tag.

Am Abend des selben Tages trafen wir uns mit Zsuzsa, die ebenfalls eine Roma NGO in Odessa leitete, in einem Cafe in der Nähe unseres Hotels. Sie war eine große, beeindruckend selbstsichere und selbstbestimmte Frau, deren großes Herz aus ihr herauszustrahlen schien. Sie berichtete uns von der desolaten Situation vieler Roma in der Region, der großen Zahl an Menschen die an Hepatitis erkrankt sind, die Probleme die es immer noch mit der Schulbildung gibt und der Frage der ethnischen Zugehörigkeit überhaupt. Wer entscheidet wer ein Roma ist? Viele Menschen haben ein Roma Elternteil und es gab schon immer so viel Vermischung. Die meisten Krim Roma geben in offiziellen Statistiken an, dass sie Tataren seien und die Roma die aus Moldawien kommen, dass sie Moldawier seien. Nach offiziellen Angaben leben in der Region um Odessa 3870 Roma, die NGOs schätzen die Zahl auf 10.000 in der Region und 5.000 in der Stadt. Nachdem wir geklärt hatten, dass ich ein Buch über Roma in der Ukraine schreiben wollte, beschloss sie ein Programm für uns zu organisieren und sich am nächsten Tag wieder zu melden.

Unser erster Stopp am nächsten Tag führte uns in eine Wohnsiedlung außerhalb Odessas Innenstadt. Der Wohnblock vor dem wir ausstiegen, sah so aus wie alle anderen Vorstadtwohnblöcke, aber Nikolaj wusste zu berichten, dass er, wenn auch nicht ausschließlich, so doch zumindest mehrheitlich von moldawischen Roma bewohnt würde. Da es früher Nachmittag war, konnte er im Haus niemanden antreffen, der bereit gewesen wäre uns in die Wohnung zu lassen – die meisten Männer seien unterwegs bei der Arbeit und die Frauen wollten alleine niemanden ins Haus lassen. So gingen wir in ein Straßencafé in direkter Umgebung, wo einige Bewohner beim Tee saßen. Der älteste von ihnen war früher Fußballtrainer und leitete damals eine überregional bekannte Fußballmannschaft. Heute verbringt er seine Tage meist mit den anderen Männern im Café. Sie sagten, dass bei ihnen eigentlich alles normal sei: „So wie bei den anderen Bewohnern auch.“ Die Kinder gingen zur Schule und die Frauen arbeiten auch. „Bei uns ist alles zivilisiert.“ Aber Probleme gibt es trotzdem. Die Kinder gehen zwar in die Schule, aber eine weiterführende Ausbildung kann sich fast niemand leisten. „In der Schule muss alles bezahlt werden. Wer kann das heute schon? Vor dreißig Jahren war die Situation für uns am besten. Da hatten fast alle Arbeit und konnten gut Leben.“

Als wir uns einige Stunden später mit Zsuzsas Bruder trafen, heute stolzer Besitzer eines kleinen Handy- und Fotoreparaturladens in der Innenstadt von Odessa, kommen wir ebenfalls auf die Zeit von vor ca. 30 Jahren zu sprechen – das war seine Schulzeit. Er erzählte wie ein Klassenkamerade mit einer neuen Spieluhr in die Schule kam, die von allen sehr bewundert wurde. Als sie am Ende des Schultages nicht mehr aufzufinden war, war für die meisten klar: “Das war der Zigeuner!” Als die Spieluhr einige Wochen später bei einem ukrainischen Klassenkameraden auftauchte, hat sich niemand bei ihm entschuldigt. „So ist das eben wenn man Zigeuner ist. Das Bild vom Dieb schwebt immer über einem. Ganz egal was man macht.“ Trotzdem sei die Chancengleichheit früher größer gewesen. Damals gab es Professoren unter den Roma, Ärzte und auch Roma die hohe Positionen im Gerichtssystem innehatten. Diese Möglichkeiten scheinen für viele von ihnen heute unerreichbar.

Auch im Vorort bleibt das Gespräch noch weiter beim Thema Schule. Nikolaj berichtet, dass gerade ein Fond über 5 Mil. Dollar bewilligt wurde, der Kindern aus Romafamilien einen weiterführenden Schulbesuch ermöglichen soll. Die Zusammensitzenden finden das gut und überlegen wen sie dafür vorschlagen könnten, fragen ob das für alle Schulen gelte oder örtlich begrenzt sei. Einer dreht sich zu mir um und sagt: „Weißt du, das Geld wird in Kiew ausgezahlt. Dort findet der Papierkram statt. Bis das bei uns ankommt, ist davon meist nicht mehr viel übrig.“ Als der Fußballtrainer etwas später aufsteht kommt er zu mir und sagt: „Eine Frage habe ich auch noch an dich. Meinst du die EM wird wirklich in der Ukraine stattfinden? Die infrastrukturellen Probleme hier sind zwar noch groß, aber vielleicht wäre es eine Chance für die Ukraine.’ Im Weggehen bemerkt seine Frau, die während der Gesprächsrunde etwas abseits das Gespräch belauschte: ‘Warum seid ihr hier? Wir sind keine Zigeuner. Wir sind Moldawier. Oder nicht? Wir sprechen doch auch keine Zigeunersprache.’ Die Männer werden ruhig und zucken mit den Schultern. Einer meint: ‘Was soll ich sagen? Natürlich sind wir Zigeuner. Ich bin Zigeuner.’ Im Auto erzählt Nikolaj dass der Schmerz immer noch tief sitze und keiner als Zigeuner abgestempelt werden möchte. Die moldawischen Roma leben seit dem 19. Jahrhundert hier in der Region. Sie haben immer fest in Wohnsiedlungen gewohnt und sind nie herumgezogen. Viele von ihnen sind Händler, aber auch Metallarbeiter oder machen andere Jobs.

Danach bringt Nikolaj uns ans andere Ende der Stadt. Auch hier gibt es viele Wohnblöcke. Wir werden an einem kleinen Schotterweg, der von einer großen Straße abgeht, abgesetzt. Vorbei an einigen kleinen Hunden werden wir am Ende des Weges von einem jungen hübschen Mädchen mit Kopftuch und einem Kleid in Leopardenfellmuster empfangen und ins Haus begleitet. Auch wenn der Hof sich gerade im Bau befindet und der Weg zum Haus ein Provisorium aus Pappe und Brettern ist, deutet das pompöse Tor an, dass es sich hier um keine arme Familie handelt. Trotzdem ist der Anblick des Inneren des Hauses überwältigend. Zsuzsa und ihre Freundin, die Gastgeberin, empfangen uns auf einem Sofa sitzend im großen hellen Wohnzimmer. Beide Frauen haben einen überdurchschnittlichen Körperumfang und die Buddhastatue, die neben ihnen in einer Ecke auf dem Boden steht wirkt ein wenig wie ein modelliertes Abbild. Auf meine offene Frage nach ihrem Leben, der Situation der Roma und dem was sie mir gerne erzählen möchte, beginnt die Gastgeberin zu berichten, dass ein besonders wichtiger Aspekt im Leben der Roma die Gastfreundschaft und die gegenseitige Unterstützung sei. „Wir sind äußerst hilfsbereit und friedliebend.“ Die Zigeuner haben noch nie einen Krieg begonnen – das waren immer die anderen. „Das wichtigste im Leben ist, dass die Menschen sich verstehen und miteinander auskommen, dass sie keine Vorurteile haben und dass nicht immer nur verallgemeinert wird. In jeder Nation gibt es solche und solche. Bei den Russen, den Ukrainern und auch bei den Deutschen.“ Darum habe sie uns eingeladen. Um zu zeigen, dass sie anständige, wohlhabende Zigeuner sind, die arbeiten, fleißig sind und schlau, sich anstrengen und sich um die Ausbildung ihrer Kinder kümmern. Als unsere Gastgeberin jünger war, habe sie nicht viel gehabt. Ihre Mutter musste sich alleine um vier Töchter kümmern, nachdem ihr Vater früh verstarb. Sie kümmerte sich darum, dass die Kinder eine gute Schulbildung erhielten und brachte ihnen das traditionelle Handwerk des Wahrsagens bei, einen Beruf den sie auch heute noch ausübe. Und genau wie ihre Mutter bemüht auch sie sich darum, dass ihre Kinder die Möglichkeit haben eine gute Ausbildung zu erhalten. Sie betont dabei wie wichtig die Rolle der Eltern sei. Wenn sie den Kindern nicht vormachten, wie man ein geregeltes Leben führen kann, wie sollen sie es dann wissen? Ihr Mann repariert Autos und handelt mit ihnen. Ihr verheirateter Sohn hilft ihm dabei. „In der Familie muss man sich gegenseitig unterstützen.“
Wir werden an den Küchentisch gerufen, den die Schwiegertochter und Tochter während des vorangegangenen Gespräches vorbereitet und mehr als reichlich gedeckt haben. Käse-, Wurst-, Salatplatten, feine Kartoffeln, Bifteki und eine ganze Ente warten duftend auf uns. Der Vater, der schon am Tisch sitzt, sagt dass seine Frau nicht leicht zufrieden zu stellen sei. Eine halbe Million ist ihr nicht genug. Eine ganze müsste es schon sein. Darum arbeitet er. Und dieses Verhältnis sieht man dem Haushalt auch an. Eine Familie voller starker Frauen, die sich von ihren Männern nichts sagen lassen. Die wissen was sie wollen und ihre Männer dazu anleiten das zu ermöglichen. Die Gastgeberin berichtet von einem Besuch bei Freunden in der Türkei. Auch dort haben sie Geschäfte gemacht. Ihr Mann wollte wissen wie teuer dort ein Pferd sei. Also habe sie sich durchgefragt und dabei auch gleich gelernt Türkisch zu sprechen. „Wir sind eine schlaue Familie! Meine Mutter war schlau und ich auch. Sprachen zu lernen fällt mir nicht schwer. Wir wollten Geschäfte machen, also musste ich die Sprache lernen.“
Nach einer Pause kuckt sie mich an und sagt: “Aber weißt du, wir haben viel. Uns geht es gut. Wir haben, Gott sei Dank, ein Haus, ein Auto und gesunde Kinder. Und hoffentlich bald auch Enkelkinder. Dafür arbeiten wir hart. Aber wenn die Polizei hierher kommt, dann sieht sie sich um und sagt: „Das sind meine Gläser! Die habt ihr mir geklaut!“ Und ich kann nur sagen: „Bitte. Das stimmt nicht, die haben wir uns selbst gekauft, von dem Geld was wir erarbeitet haben. Aber eine Handhabe oder Sicherheit haben wir nicht. Ich sitze dir hier gegenüber. Ich lade dich zum Essen ein und berichte über meine Kultur. Ich lache mit dem Gesicht, aber mein Herz weint. Vielleicht wird sich die Situation der Zigeuner irgendwann ändern. Vielleicht hören die anderen irgendwann auf uns alle über einen Kamm zu scheren. Heute bist du unser Gast. Gerne kannst du immer wieder kommen.”

Der nächste Tag beginnt mit einem Besuch in einem georgischen Restaurant – eine kleine Burg an der Autobahn am Ausgang der Stadt. „Das Restaurant hat mein Vater gebaut“ begrüßt uns Zsuzsa. „Damals gab es hier keinen Strom, kein Wasser, kein Gas. Das ist alles nach und nach entstanden. Nach seinem Tod habe ich das Restaurant übernommen und führe es in seiner Tradition weiter.“ Kurz vorher hatte der georgische Konsul angerufen. Er wollte das Restaurant für eine Gesellschaft buchen. „Es kommen auch viele bekannte Musiker und Tanzgruppen hierher. Manchmal auch Sportler – mein Vater war ein großer Sportfan.“ Das Restaurant ist edel aber nicht aufdringlich eingerichtet. Im Vorraum hängt eine Karte von Georgien, mit Bildern von der traditionellen Kleidung jeder Region. Wir lernen, dass die Stadt Tiflis von einem Bogenschützen gegründet wurde, der auf der Suche nach einem abgeschossenen Vogel eine warme Quelle fand. Daraufhin gründete er an dieser Stelle die Stadt Tiflis, was sich von dem georgischen Wort für ‚warm’ ableite. Außerdem erfahren wir, dass die Georgier schon weit vor den Russen zum Christentum konvertierten und auch, dass sie schon mehr als drei Jahrhunderte vorher ihre eigene Schriftsprache hatten, die sie auch bis heute beibehalten haben. Auch Stalins georgische Herkunft soll sich positiv auf die Sowjetunion ausgewirkt haben. Brüderliche Unterstützung, Hilfe und Nächstenliebe, alles georgische Traditionen die Stalin in das System mit einbrachte. Das sich seine Herrschaft in der Praxis nicht so freundlich auswirkte, wie sich das anhört ist Zsuzsa aber auch klar. Reduzierter Patriotismus vielleicht. „Wir lieben unser Land und es gibt nichts was uns davon abbringen könnte – außer der Realität, aber wen interessiert die schon?“
In einer Ecke des Restaurants hängt ein großes Gemälde von ihrem Vater, in traditioneller georgischer Tracht gekleidet. Im Hintergrund sieht man ein Portrait von Zsuzsas Mutter – einer schönen Zigeunerin. Vor dem Bild steht eine Statue mit einem goldenen Pferd, auf die ich explizit hingewiesen werde und die ich unbedingt fotografieren soll. „Das Pferd spielt bei den Zigeunern überall eine große Rolle.“ Und genau wie die Dekoration damit auf beide kulturellen Herkünfte verweist, dient auch das Restaurant nebenbei als Büro – sowohl für den georgischen als auch den Roma Kulturverein, die beide von Zsuzsa geleitet werden. „Meine Mutter war Zigeunerin und mein Vater Georgier. Ich bin hier in Odessa aufgewachsen und habe alle diese unterschiedlichen Traditionen und Kulturen in mir.“

Eine Stunde später sitzen wir im Auto und werden nach Afrika gefahren. Zumindest leben die Roma in der Siedlung in die wir auf dem Weg sind nach Zsuzsas Vorstellung wie in Afrika. Sie bekamen erst vor kurzem Wasser und Gasleitungen. Zsuzsa wollte, dass für die Kinder eine vernünftige Schule gebaut würde, mit Lehrern die die Kinder in verschiedenen Klassen unterrichteten und ihnen nicht nur das Nötigste vermitteln. Aber der Baron, der Leiter dieser Roma Gruppe war dagegen. „Die Leute hier sind in ihren Traditionen gefangen, sie sagen dass ihre Familien noch nie zur Schule gegangen sind und auch ihre Kinder damit jetzt nicht anfangen müssten.“ Die traditionelle Verwurzelung zeigte sich auch optisch schnell, als wir in die Siedlung einbogen. Die Frauen liefen in langen Kleidern, mit Kopftüchern und gedrehten Zöpfen herum, die unter dem Kopftuch hervor guckten. Diese Zöpfe sind ihre Besonderheit und zeigen dass sie zur Gruppe der Katljári Zigeuner gehören. Als wir begleitet von einer Schar Kinder und Jugendlicher das Haus des Barons betraten lief im Fernsehen eine Wahrsagesendung, in der eine stark geschminkte dicke Frau mit langen schwarzen Haaren Telefonanrufern die Zukunft vorhersagte. Kann so viel Klischee Wirklichkeit sein? „Wir bleiben nicht lange hier!“ sagt Zsuzsa, die nicht das beste Verhältnis zum Baron zu haben scheint. Er erzählt mir, dass sich ihre Lebenssituation in den letzten Jahren, seit sie Gas und Wasser bekommen haben sehr verbessert hat, aber es wirkt ein wenig so, als fühle er sich verpflichtet dies zu sagen, weil Zsuzsa diejenige war, die das ermöglicht hatte und weil man Außenstehenden so etwas eben erzählt. Als wolle er sagen „Wir finden es ok an eurem technologischen Fortschritt teilhaben zu können, dass wir deswegen ein Teil eurer Gesellschaft werden braucht ihr aber nicht zu glauben!“ Zsuzsa merkt an, dass trotz der besseren Infrastruktur immer noch sehr viele Menschen an Hepatitis erkranken. Sie fragt wie der Strom und das Gas abgerechnet werden. „Wir haben einen Zähler für das ganze Lager.“ Zsuzsa sagt, dass man sich unbedingt darum kümmern müsse. „Die können euch so ganz schnell von einem Tag auf den anderen alles abstellen’!“ und tauscht mit einem der Jungen Telefonnummern aus.

Wir fahren weiter zu einer befreundeten Familie, die nur einige hundert Meter von der Siedlung entfernt in einem Einzelhaus wohnt. Der hohe Zaun und das Tor, das Einblicke auf den Hof und das Haus verwehren, unterscheidet sich nicht von dem ihrer ukrainischen Nachbarn. Wir setzen uns draußen an den Tisch zu zwei Frauen, vielleicht Mutter und Tochter, die uns freundlich begrüßen und mit Tee und Keksen bewirten. Ein jüngeres Mädchen wird herbei geholt – sie ist der Stolz der Familie. Sie hat eine Ausbildung als Juwelierin abgeschlossen und arbeitet jetzt auch in diesem Beruf. Ihre Mutter zeigt sofort die Ringe und Ohrringe die sie von ihrer Tochter hat. Kein für die Zigeuner typisches Gold, sondern Silber mit blauen Steinen.
Ich frage, wie sie ihre Situation und die Situation der Roma allgemein einschätzen. Die Oma sagt: „Das Problem der Zigeuner ist, dass wir keine gemeinsame Flagge haben“ – da springt Zsuzsa ein und sagt: „Natürlich haben wir eine Flagge!“ „Ist die neu?“ „Nein, die gibt es schon ganz lange!“ Das Gespräch entfernt sich zu den Festivals die Zsuzsa organisiert, dass bald eines in Odessa stattfinden soll und ob sie nicht Lust hätten daran teilzunehmen. „Dort könnt ihr auch eure eigene Flagge sehen.“ Zsuzsa schüttelt den Kopf und sagt dass es ein offenes Geheimnis sei, dass jede Romagruppe von sich behaupte die einzig Wahre zu sein. Gleichzeitig bemängeln sie den fehlenden Zusammenhalt. Wenn Organisationen gegründet werden, wollen viele nichts mit ihnen zu tun haben. Überall herrscht Misstrauen. Bis vor einigen Jahren gab es ein Ukraineweites Projekt, mit Büros in jeder größeren Stadt, die sich für die Rechte der Roma einsetzten. Die Leiter waren alle Roma, sie bekamen Seminare und konnten an Trainings teilnehmen, bekamen Nicht-Roma zur Seite gestellt die ihnen halfen ihre Arbeit auszuführen. Die erste Roma Zeitung die monatlich in der gesamten Ukraine vertrieben wurde entstand und gab ihnen für einige Jahre eine Stimme. Leider scheiterte es, das Projekt nach einer gewissen Anlaufzeit selber weiter zu finanzieren. „Wer will denn in einer Romazeitung Werbung schalten? Wir konnten die Zeitung ja noch nicht einmal verkaufen, weil viele der Roma sich nicht der Bedeutung bewusst waren, die so eine Zeitung in sich birgt. Die Möglichkeiten des Austausches, der Stärkung der Gruppe und einem Auftritt nach Außen haben viele nicht wahrgenommen. Aber dieses Bewusstsein lässt sich nicht in ein paar Jahren schaffen.“

Am nächsten Tag werden wir früh von Nikolaj abgeholt. Schon seit unserer Ankunft hatte er uns von dem Festival erzählt, dass an diesem Wochenende stattfinden soll. Er hatte uns Poster von Menschen in traditionellen Kostümen gezeigt und die Aussicht auf ein ukrainisches Folklorefestival zu gehen, löste eigentlich keine große Begeisterung bei uns aus. Trotzdem dachten wir, dass wir uns ansehen sollten was ihm so wichtig erscheint. Wie sich nach ca. einer halben Stunde Fahrt herausstellte handelte es sich um eine Veranstaltung zum Tag Europas, zu dem alle offiziellen Vertreter der ukrainischen Minderheiten aus der Region um Odessa eingeladen waren. Nikolaj war der Vertreter der Roma und wir wurden als zwei deutsche Journalisten mit auf die Liste der geladenen Gäste aufgenommen. Die verschiedensten Botschafter und Repräsentanten der einzelnen Minderheiten: Bulgaren, Moldowaren, Polen, Huzulen und andere wurden uns vorgestellt und gemeinsam bekamen wir ein beeindruckendes Spektakel vorgeführt. Nach der offiziellen Vorstellung der Teilnehmer wurden wir an einen See gefahren, wo uns Gesangensembles und Tanzgruppen begrüßten. Es wurden traditionelle Brote zur Begrüßung verteilt und ein Theaterstück mit Gesang aufgeführt, welches das ukrainische Marktleben vor 100 Jahren aufzeigte. Danach wurden wir an ein beeindruckendes Buffet mit einem ganzen Schwein und den unterschiedlichsten lokalen Spezialitäten und Schnäpsen geführt. Zur begleitenden Musik trieben junge Mädchen mit wallendem Haar und Bändern darin auf Flößen am nahe gelegenen See und die pompöse Inszenierung, der sicherlich eine wahnsinnig mühsame Zeit der Proben und des Kochens vorausgegangen war, schien absurd dafür dass die meisten Besucher ihre Zeit mit Händeschütteln und Smalltalk verbrachten. Nachdem die Zeremonie abgeschlossen war wurden wir zum öffentlichen Teil der Veranstaltung geführt, wo verschiedene Kindergruppen aus der Region ihre Tänze aufführten. Die offiziellen Besucher wurden auf die Bühne geladen und ein weiteres mal vorgestellt. Es wurden einige Interviews mit verschiedenen Lokalzeitungen geführt und da Nikolaj wieder zurück musste konnten auch wir uns danach glücklicherweise schnell verabschieden. So merkwürdig eine so reaktionäre Veranstaltung auf uns wirkt, die den Blick auf die Tradition und unterschiedlichen Kulturen und Minderheiten wirft, sich an der Vergangenheit festhält und gleichzeitig anhand der Flaggen probiert einen Aufbruch nach Europa, eine Eingliederung in die Europäische Union zu propagandieren, so sehr verkörpert sie auch das Bild der Ukraine und verweist auf den Zwiespalt vor dem sich die Zigeuner befinden. „Wie sollen wir mit all unseren Unterschieden eine gemeinsame Identität finden, die die Handlungsbasis für eine Emanzipation bietet?“

Das letzte Gespräch dieser Reise findet am gleichen Abend mit Vika, einem 25 jährigen Roma Mädchen statt, die nach der Schule eine Ausbildung als Krankenpflegerin machte, heute arbeitet und nebenbei Medizin studiert. Ihre Eltern haben sich sehr dafür eingesetzt, dass sie Freunde aus verschiedenen ethnischen Gruppen habe und sie keiner dafür diskriminiere, dass sie Zigeunerin sei. Heute passiere es ihr öfter, dass sie den Kindern von Freunden sage vorsichtig mit den Zigeunern zu sein. Die Eltern greifen dann oft ein und sagen: “Das musst du ihnen nicht erzählen, sie wissen dass es überall solche und solche gibt. Sie sollen das Bild von dir als Zigeunerin haben, keins vor dem sie Angst haben müssen!”
Wir unterhalten uns über die Traditionen, Religion und sie weist darauf hin, dass die Krim Zigeuner zu denen sie auch gehört traditionell muslimisch sind. Da ihr Vater aber Ukrainer war ist sie christlich getauft worden. Das wichtigste, was die Roma von anderen Volksgruppen unterscheide sei ihre Liebe zur Familie und die bedeutende Rolle von Kindern in der Familie. Wir fragen sie, ob sie verheiratet ist und wie sie Familie, Arbeit und Studium unter einen Hut bekomme. „Ich habe noch keine Familie! Wir leben im 21. Jahrhundert, da muss man mit den Traditionen brechen können ohne dabei seine Herkunft zu verleugnen. Natürlich verstehen nicht alle warum ich in meinem Alter lieber studiere als eine Familie zu gründen, aber das ist bei euch auch nicht anders, oder?’

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Wenn ich hier, Tag ein Tag aus, an meinem Schreibtisch sitze komme ich mir des öfteren so vor als sei ich beim wild-life TV direkt dabei. Die Hunde, die hier nachts auf den Grundstücken gehalten werden, verbringen die Tage spielend, liegend und bellend auf der Straße vor meinem Fenster. Fütterung findet allgemein gegen Mittag statt, wenn die einzelnen Haushalte ihre Essensreste auf die Straße werfen. Seit einigen Tagen, ist die Hündin vom Haus gegenüber läufig und ich kann beobachten wie immer wieder einzelne “Besucher” vorbei kommen, die wedelnd vor dem Tor stehend. Sie kommen in den unterschiedlichsten Farben und Größen, einer der kleineren probierte gestern für mindestens eine Stunde nacheinander alle Löcher und Spalten in der Hoffnung aus, doch irgendwo hindurch zu passen und endlich zu seiner Auserwählten zu kommen. Während die meisten Hunde hier aus der näheren Umgebung kommen, gibt es einen, den ich vorher noch nicht bemerkt hatte, der sich aber besonders dominant gibt. So konnte ich schon die verschiedensten Unterwerfungsgesten im Rudel beobachten – wie im Fernsehen gehen auch hier die Auseinandersetzungen oft blutig aus. Da gerade ein verlängertes Wochenende war, nutzte der Nachbar den gestrigen Tag zusätzlich für seine Schießübungen und schoss mit seinem Luftschußgewehr auf die Verehrer seiner Hündin. Ich habe mir die Reaktion der so bedachten Hunde erspart, außerdem war das Gewehr viel zu nah am meinem Fenster als dass ich die Aufmerksamkeit des Schützen auch noch hier her lenken wollte. Seit dem ist es aber um einiges ruhiger geworden…

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frühling in szernye

Nach dem ganzen Rumgereise bin ich jetzt wieder gut in Uzhgorod angekommen und eingelebt. Gestern gab es einen kurzen Ausflug nach Szernye. Dort hat wie zu erwarten auch der Frühling Einzug gehalten und die Kinder haben kreative Blumenkränze gemacht:

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Viele der Männer sind schon nach Kiev oder Moskau gefahren um dort zu arbeiten, die anderen wollen nächste Woche los – dann wird es bald wieder eine Frauen, Kinder und Rentner Siedlung! Auch die jüngeren Jungen wollen arbeiten gehen – nach Ungarn zur Gurkenernte. Darum hab ich jetzt Dienstag ein Date im ungarischen Konsulat um die nötigen Informationen für sie und ihre Ausreise einzuholen. Die Fotos die ich in Vári gemacht habe, haben alle sehr gefreut und es wurden mir zu fast allen Abgebildeten die Verwandschaftverhältnisse erklärt. Szimonettas Schwiegermutter… Cousine, Tante, Onkel von…. Das tolle türkisfarbene Haus kannten auch alle. Das ist von Donni! Mit seiner Frau waren wir gut befreundet! Und ich dachte ich zeige ihnen was neues… Sie haben mir auch erzählt, dass die Familie schon immer “traditionelle” Röcke getragen habe und die Mutter der Frau von Donni diese früher selber nähte. Jetzt nach ihrem Tod müssten sie die wohl kaufen. In Uzhgorod ist das zweite mal Ostern (orthodox) und ich werde mit immer wieder neuem und frisch gebackenen Kuchen versorgt, auch wenn die Zigeuner eigentlich alle ungarisches Ostern feiern. So weit so far.

in den bergen

Nach fünf Tagen im durchaus sommerlichen Vári wurden wir früh morgens von Valera unserem Taxifahrer abgeholt, der uns nach Lupokovo / Ust’ Chorna in die Berge fuhr. Dort ist es wahrlich traumhaft, oder vielleicht eher verträumt, Ausländer wurden in dem kleinen Dorf voller Holzhäuser noch kaum gesehen. Das Dorf ist komplett von Bergen umschlossen und der Weg dorthin qualitativ mit der Schutterpiste nach Szernye zu vergleichen. Die Häuser schlängeln sich in ein bis zwei Reihen am Fluss entlang durchs Tal und wo man hin sieht nur grüne Hügel, Wiesen, Bäume und Hütten und auf den entfernteren Gipfeln auch noch ein wenig Schnee. Auf der Karte habe ich Uzhgorod (1), Vári (2) und Lupokovo (3) markiert.

Karte Transkarpatien

Die Karte stammt aus der Schule in Königsfeld, dem Nachbardorf. Königsfeld war ursprünglich von Deutschen besiedelt, die aber vor ca. 30 Jahren als ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wurde fast alle nach Deutschland zurückkehrten. Neben einigen zweisprachigen Beschriftungen ist von den Deutschen heute nicht mehr viel übrig geblieben. Wir sprachen mit einem sehr netten älteren Herrn, der halber Deutscher ist und noch immer viel Kontakt zu seiner Familie in Bayern hat, wo er auch einige Male zum Arbeiten und zu Besuch war. Wie ich das vorher schon von anderen Menschen gehört hatte, bemerkte auch er, dass mit den Deutschen die Blumen und das hübsche, gepflegte Aussehen des Dorfes verschwanden, weil die Ukrainer, die die Häuser und Grundstücke übernommen haben, sich nicht entsprechend um ihr Dorf kümmern würden. Die Region lebte früher hauptsächlich von der Holzwirtschaft, aber inzwischen ist auch hier der Tourismus auf dem Vormarsch. Es werden kleine Holzhütten und Hotels gebaut, wohl Hauptsächlich für den Wintersporturlaub, aber auch für ausgewanderte Familienmitglieder die den sommer über zu besuch kommen. Die meisten Wintersportler kommen aus Polen, Tschechien und der Slowakei und freuen sich darüber, dass es in der Ukraine noch keine abgesteckten Pisten und Wege gibt an die man sich halten muss. Die Menschen aus dem Westen haben aber anscheinend noch zu viel Angst vor dem wilden Osten.
So waren auch in Lupokovo wohl noch nicht so viele fremde Menschen, was dazu führte, dass wir viel angesprochen und danach gefragt wurden, was wir denn dort wollen. Dass wir einfach “nur so” da waren fanden die Menschen glaube ich ziemlich ungewohnt. Die Kinder die Evi fotografieren wollte liefen des öfteren ganz schnell weg, wenn sie die Kamera sahen und ich kam mir selber noch nie so “touristisch” vor. Ich spürte quasi die ganze Zeit die Skepsis der Bewohner, die sich fragten was wir da bloß dort tun würden. Dabei war es wirklich wunderschön. Ohne mich dagegen währen zu können fühlte ich mich in die Vergangenheit versetzt, was natürlich absoluter quatsch ist. Wenn man genau hin sieht, haben alle Häuser Parabolantennen, und wahrscheinlich auch Strom und fließendes Wasser. In unserer gemütlichen Holzhütte, gab es neben Fernseher, Dusche, Klo und Waschmaschine (und zusätzlich das mit abstand hübschesten Plumsklo was ich je gesehen habe) einen Kachelofen mit Ofenbank zum ausziehen, der nicht nur großartig aussah sondern auch noch absolut multifunktional war.

Die Zeitenzonenfrage hat dort oben aber auf jeden Fall die – bis jetzt – merkwürdigsten Dimensionen angenommen. Dass die Ungarn nach ungarischer Zeit leben, weil sie auch entsprechendes Fernsehen sehen und Radio hören, kann ich irgendwie noch verstehen. Aber in Lupokovo leben die Ukrainer (Huzulen) nach “europäischer” Zeit, sehen ukrainisches oder russisches  Fernsehen und auch offizielle Dinge im Dorf, Schule, Kirche, Post werden nach ukrainischer Zeit geöffnet und geschlossen. Alleine die Menschen gestalten ihren Alltag und persönliche Absprachen nach “europäischer Zeit”. Um die Gründe dafür (wir fühlen uns als Europäer nicht als Ukrainer?) zu verstehen, bin ich wohl zu sehr rationales Stadtkind.

Nachdem wir in Vári (und Evi auch die Wochen davor) viel mit Calvinisten zu tun hatten, die schon sehr besonders sind in ihrer Gottergebenheit und Selbstrücknahme (für uns besonders merkwürdig, die immer wiederkehrende Bestätigung, dass man uns nicht um unserer selbst Willen hilft, sondern um sich den Weg in ein besseres Nachleben zu ebnen), trafen wir in unserer neuer Unterkunft auf eine praktizierende orthodoxe Christin, die uns als erstes mit den bei ihr im Haus hängenden Ikonen vertraut machte und in die Kirche einlud, die grade geputzt wurde, um für die Osterfeierlichkeiten, die bei den Orthodoxen eine Woche später stattfinden, vorbereitet zu sein. Neben der Kirche war auch der Friedhof furchtbar bunt und genau wie bei der Wahl der Wandfarben, scheinen die Menschen hier wirklich keine Angst vor Farben zu haben. Pink und Blau sind als Zimmerfarben gerade wahnsinnig hoch im Kurs, in Lupokovo werden die Wände außerdem nach dem Streichen auch noch mit Glitzer überzogen und ich freue mich jedes mal wieder über diese bunte Welt.

live

Neben der Erkundungen im Dorf und Nachbardorf haben wir dann auch noch einen Halbtägigen Ausflug in die Berge gemacht – mit einem Lastwagen der zum Touristentransport umgebaut wurde ging es bis in den Schnee und auf 1500m hoch, so dass wir quasi aus dem Tal raus und über die Berge hinüber schauen konnten (die Hoverla, der höchste Berg im ukrainischen Teil der Karpaten ist 2020m hoch). Oben haben wir dann Lagerfeuer und Schaschlick gemacht, das Gemüse im sauberen Quellwasser gewaschen und selbstgebrannten Schnapps (gesund und besser als jede Medizin aus der Apotheke) getrunken. Das ganze hat der Sohn unserer Gastgeberin für uns gegen Benzingeld gemacht, weil wir ja auch bei ihm wohnen und er hofft, dass wir ein bisschen Werbung für ihn machen. Im Winter fährt er Skitouristen die Berge hoch, setzt sie oben ab und sammelt sie dann unten wieder ein, was natürlich im Gegensatz zu einem Lift den Vorteil hat, dass man sich selber aussuchen kann, wo man hin will. Vielleicht lern ich hier ja dann doch auch noch mal Skilaufen….

Nach Hause, nach Uzhgorod sind wir dann Sonntag satt und glücklich mit wahnsinnig viel Eingemachtem gekommen. Marmelade und selbst gemachter Sirup, eingelegte Pilze und aus Vári auch noch Tüten voll mit Naturheilmitteln (alles Werbegeschenke…). Zum krönenden Abschluss gab es noch eine Flasche selbstgekelterten Wein von unserem Taxifahrer, bei dem wir auf dem Rückweg einen Zwischenstop zuhause machten und weil Evi eh schon so viel Gepäck hatte steht das jetzt alles bei mir und Freut sich auf Besuch aus Deutschland um irgendwie verbraucht zu werden!

Romani Yag

Am Sonntag gab es dann noch mal ein bisschen Stadtleben mit Burgbesichtung und Bier in einem Kaffee am Fluss. Osterbrot, Kuchen und Kohlruladen von meiner Gastgeberin und danach einen Osterabschluss bei Romani Yag.
War ganz erfrischend nach so viel “Ernsthaftigkeit” mit den flaxenden Zigeunerjungs zu scherzen. Aladar leistete uns auch bald Gesellschaft und da die alle schon, nach hiesiger Feiertagsmanier,  den ganzen Tag am trinken waren wurden auch wir zu viel Essen, Trinken und Tanz geladen.

in vári

Nach einer Woche in Vári, einem ungarischen Dorf direkt an der Grenze zu Ungarn (nur durch die Theiss getrennt) sind wir jetzt in den Bergen angekommen. Wir sind Evi und Verena, wobei Evi eine Fotografin ist, die an einem Fotoprojekt über Innenräume bei den Bewohnern Transkarpatiens arbeitet und Verena diejenige, die ein wenig als Übersetzerin in alle Richtungen einspringt.

Die Zeit in Vári haben wir bei einer netten Familie verbracht, die wie 24 andere Familien im Dorf Gästezimmer in ihren Privathäusern eingerichtet haben, die an Touristen vermietet werden können. Im Vergleich zu Szernye, das genau so groß ist und ebenso fast ausschließlich von ungarischer Bevölkerung bewohnt wird, ist die Grundstimmung in Vári doch eine andere. Fast alle schicken ihre Kinder auf das Gymnasium und auch danach auf weiterführende Hochschulen in Beregszaz oder Ungarn. Der größere Sohn unserer Gastgeber-Familie hat Geographie und Tourismus studiert, arbeitet momentan als Lehrer in Vári und wartet auf eine Zusagen um seinen PhD in Geographie in Debrecen/Ungarn zu machen. Der jüngere Sohn studiert Tiermedizin. Beide Kinder helfen nebenbei wie selbstverständlich den ganzen Hof zu führen und Schweine, Hühner, Felder und jetzt auch noch Gäste zu versorgen. Fast alle Lebensmittel kommen aus dem eigenen Garten, was immer wieder betont wurde, auch das Wasser kommt aus Vári. Offensichtlich hat das ganze Dorf zusammengelegt um einen tiefen Brunnen zu bohren, aus dem das ganze Dorf Trinkwasser bekommen kann und wo es auch ein Gerät gibt, dass den mitgebrachten Flaschen Kohlensäure beifügt. Der Tourismus scheint extrem gut organisiert, mit kleinen und größeren Gruppen, die kommen und Touren durch die Region machen, aber auch mit Privatpersonen aus Ungarn, die immer wieder kommen oder ihre Freunde vorbei schicken.
Fremdsprachige Gäste waren noch keine da, so dass wir sicher ein wenig Aufregung verursacht haben, die sich aber mit der Zeit auch wieder legte.
Neben einigen anderen Vermieter_innen, die teilweise sogar kleine separate Ferienhäuschen haben oder zusätzlich zu Hausmannskost auch Naturheilmittel, Umschläge und Kuren anbieten, wohnt auch der neue Bischof der reformierten Kirche Transkarpatiens in Vári. Ich hab ihn an meinem zweiten Tag in Vári nur kurz getroffen, könnte mir aber vorstellen, dass der alte Bischof, Horkay Lászlo, ihm in seiner Jugend sehr ähnlich war: ruhig, groß und ein wenig zurückhaltend. Vielleicht bekomme ich ja noch mal die Möglichkeit ihn im Gottesdienst zu besuchen. Wäre spannend zu sehen wie er sich im Gottesdienst verhält. Er hat mich auf jeden Fall freudig begrüßt und angemerkt wie viel er schon von mir gehört habe: das Mädchen von den Zigeunern in Szernye. Merkwürdig wenn einem der Ruf so voraus eilt. Aber wie vor einigen Jahren noch der alte Bischof, war auch er die meiste Zeit am hin und her laufen und hatte sicher einiges zu tun.

Dadurch, dass ich quasi Evis Assistentin bei ihrem Fotoprojekt bin, sind wir viel herum gekommen, habe Jungs beim Fussball spielen zugeschaut und verschiedene Häuser und Menschen darin besucht. Außerdem hatten wir während der ganzen Woche wahnsinniges Glück mit dem Wetter, so dass ich jetzt mit Sonnenbrand auf den Schultern rumlaufe und mich freue, dass es fast Sommer ist. Mit unseren Gastgebern haben wir im Garten über einem Lagerfeuer Speck geröstet (oder geschmolzen?). Wenn er weich wird, wird er auf bereit liegenden Brotscheiben ausgedrückt und das ganze dann mit den frisch gepflückten Radieschen, Frühlingszwiebeln und eingemachten Salaten gegessen. Schon toll. April ist für alle Landbesitzer wichtigste Arbeitszeit, weil alles ausgeseht und Unkraut gerupft werden muss. Vor Ostern muss außerdem auch das Haus geputzt und wenn es geht auch gestrichen werden (etwas was hier in jedem anständigen Haus mindestens ein mal im Jahr gemacht wird). Die Kinder mussten außerdem Theaterstücke für den Oster-Gottesdienst einstudieren und es war interessant zu sehen, dass ganze Klassen zum Müllsammeln und Blumen und Bäume pflanzen in den Dörfern (nicht nur Vári) eingesetzt wurden.

Schweine

Wir haben mit einigen älteren Menschen gesprochen, die von ihrer Vergangenheit unter den unterschiedlichen Regimes sprachen und ich denke ich muss mich noch mal ein bisschen mehr in die Zeit einlesen als das Gebiet hier zur Tschechoslowakei gehörte, da es den Menschen zu dieser Zeit am besten zu gehen schien. Ansonsten finde ich es relativ schwierig die Erzählungen einzuschätzen. Früher war alles besser sagt sich immer so einfach, aber ist keine wirklich fassbare Aussage. Ausführungen wie “das Geld war damals mehr Wert und kam regelmäßig, die Russen mochten wir noch nie, die kommen und klauen alles, damals mit den Deutschen, das war gut!” Stimmen mich alles andere als gut, aber keine meiner hier anwendbaren Sprachen ist gut genug um darüber kritische Diskussionen führen zu können und ich weiß auch nicht wirklich inwiefern die Gesprächspartner_innen bereit wären auf so etwas einzugehen, oder überhaupt wissen worauf ich hinaus will. Wir haben einige jüdische Friedhöfe gesehen, eine Frau in Szernye erzählte neulich auch von einem Bild was sie von ihren jüdischen Nachbarn geschenkt bekam, als diese abgeholt wurden, aber mehr als ein Schulterzucken wird ihrem Verschwinden kaum zugestanden. Die Juden und Zigeuner wurden während des zweiten Weltkriegs in die deutschen Lager gebracht, die Ukrainer und Ungarn danach in die russischen. Die Alten können sich wohl kaum an wirklich gute Zeiten erinnern.

Der spannendste Vormittag für mich war dennoch der in der Zigeunersiedlung. Ich wusste, dass einige Frauen aus Vári nach Szernye geheiratet haben und es war sehr nett gleich im ersten Haus gemeinsame Bekannte auszumachen.
Vári ist eins der Dörfer, das in den Jahren 1998 und 2001 stark vom Hochwasser betroffen war (die Theiss ist damals an vielen Stellen so stark über die Ufer getreten, das wahnsinnig viele Menschen ihre Häuser verloren) und so gibt es nun viele neue Häuser, die durch die damals gesammelten Hilfen gebaut werden konnten. Auch die Zahl der Zigeuner hat sich seit dieser Zeit etwa verdoppelt, weil diese sofort Familien aus anderen Teilen des Landes verständigten und einluden, damit diese sich dort ebenfalls Häuser bauen lassen konnten. Wie auch bei den Ungarn scheinen die Hilfen und Spenden auch bei den Zigeunern einige Familien in größeren Mengen erreicht zu haben als in anderen. Viele der Zigeuner leben nicht nur in für sie gebauten Häusern, sondern teilweise in einem “Barbiehausprunk”, den ich bis jetzt noch nirgendwo gesehen habe (Fotos bei Flickr). Das erste Haus in orange (Wohnzimmer ganz orange: Wände, Vorhänge, Teppiche… mit großen grünen Pflanzen die einen schönen Kontrast bildeten und Stuck an den Decken, der grade neu verklebt wurde), war schon beeindruckend aber irgendwie noch in einem Rahmen den ich verstehen konnte: drei Zimmer die von Eltern und zwei Kindern geteilt wurden – da ist einfach auch die Möglichkeit gegeben ein Vorzeige-Wohnzimmer zu präsentieren und die Ausgaben für die Familie halten sich in Grenzen.
Das zweite Haus, das hauptsächlich in türkis gehalten war, übertraf hingegen alle Vorstellungen, die ich mir machen konnte (wollte?). Nicht nur, dass die Frau in traditionellem langem Zigeunerrock mit Kopftuch und einer vollständigen Reihe Goldzähne vor uns stand, auch die Pferde waren riesig, kräftig, glänzend und edel und fern von den Arbeitspferden die man sonst überall sieht. Es stellte sich bald heraus, dass der Herr des Hauses der Baron der Zigeuner von Vári war und sein Geld angeblich auch nur durch die Herstellung von Regenrinnen verdienen würde. Das Innere des Hauses – wir wurden dort zum Essen eingeladen – war wirklich kaum in Worten zu fassen. Die Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer – alles glänzte einfach nur vor Prunk! Gläser, Pflanzen, Lichter, Spiegel, Flachbildfernseher, alles neu und groß und bunt und surreal. Wir wurden nach einer kurzen Stärkung dann auch freudig über eine Wendeltreppe im Wohnzimmer in den ersten Stock geführt, wo der älteste Sohn mit Schwiegertochter und Kindern wohnte (die Schwiegertochter stand, ganz nebenbei, als wir ankamen im glitzernden Abendkleid in der Küche und kochte…). Ihre beiden Söhne begleiteten uns, verzogen sich aber gleich in ein eigenes Zimmer indem ihr neuer Computer stand, der auch sofort angemacht wurde (damit wir ihn ja nicht übersehen?). Das Schlafzimmer in knallpink mit einem beeindruckenden Himmelbett, war so märchenhaft, dass man sich nicht vorstellen konnte sich in einer Realität zu befinden die irgendetwas mit der Außenwelt zu tun hat. Ein beeindruckend, absurdes Spektakel was ich so schnell nicht vergessen werde.

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Die Zigeuner von Vári sind, wie die in Szernye auch, ungarische Zigeuner, die auch untereinander nur Ungarisch miteinander sprechen und kein Romani können. Die zwei Frauen die in “traditioneller” Kleidung erschienen erwähnten auch gleich, dass das “Zigeuneroutfit” nur eine Ausnahme sei. Sie habe die Sachen von anderen Zigeunern gekauft, die “tatsächlich” so herum laufen und tragen es selber nur ab und an. Da wir eigentlich sehr spontan kamen, glaube ich nicht, dass sie das für uns angezogen haben, aber da wir erst eine halbe Stunde nach dem Betreten des Zigeunerviertels dort ankamen, kann es durchaus sein, dass es sich bis dahin rumgesprochen hatte und vorbereitet wurde. Wirkt alles immer noch ein bisschen wie im Film. Ich frage mich in wie fern diese Tracht mit dem Reichtum der Familie und der Abhebung von den restlichen Zigeunern in Vári in Verbindung steht, da die “traditionellen” Zigeuner gemein als reich oder zumindest wohlhabender als die übrigen transkarpatischen Zigeuner gelten. Ich hoffe nächsten Monat noch einmal dahin fahren zu können und vielleicht ein etwas differenzierteres Bild zu erhalten. Aber in erster Linie beeindruckend und schön daran erinnert zu werden, dass ein Dorf doch nicht dem anderen gleichen muss, auch wenn die formalen Vorraussetzungen die gleichen sind.

the state i’m in

Heute morgen lief eine kurze Reportage über die Ukraine im deutschen Radio, dass ich hier dank Internet problemlos hören kann. Dennoch fragte ich mich ob es richtig ist Nachrichten über die oder aus der Ukraine über die deutschen Medien wahr zu nehmen. Vielleicht sollte ich mich doch bemühen den Fernseher der seit einiger Zeit funktionslos in meinem Zimmer steht zum laufen zu bekommen. (Er wurde mir netterweise vor ein paar Wochen freudestrahlend ins Zimmer gebracht und abgestellt, ein paar Tage später kam jemand vorbei um die Antenne anzuschließen, was nicht funktionierte. So wurde er wieder raus getragen, stand eine Weile in der Küche und wurde dann wieder in mein Zimmer gebracht. Während das Bild beim letzten mal einfach nach sehr schlechtem Empfang aus sah, geht er jetzt gar nicht mehr an, was aber auch demnächst repariert werden soll. Abwarten.)

Aber zurück zur Reportage. Der Ausgangspunkt war, dass die Ukraine besonders stark von der Wirtschaftskrise betroffen ist. Es wurden drei unterschiedliche Punkte angesprochen: Erstens dass die Ukraine während des Gasstreits kein Gas hatte, zweitens dass hier auch die einfachen Leute wissen was passiert und drittens dass unsere Julia einen Kredit von Russland aufnehmen will um die Sozialzuschüsse nicht noch weiter kürzen zu müssen. Es wurde vermutet, dass sie das wohl macht um den Weg zu ebnen bei den nächsten Wahlen als Präsident_in gewählt zu werden. Im Bezug auf Russland wurde erörtert was für Konsequenzen das für beide Seiten haben könnte ohne dabei zu irgendwelchen Ergebnissen zu kommen.

Um so interessanter waren die anderen beiden Punkte. Mir wurde gesagt, dass es zumindest in Transkarpatien während des gesamten Gasstreits keine Probleme gab die Wohnungen zu heizen. Stattdessen wurde ich bei meiner Ankunft hier, nachdem ich über Weihnachten in Deutschland war, ständig gefragt ob wir denn Heizen konnten oder frieren mussten. Die Ukraine verfüge über genug eigenes Gas und habe auch noch andere Quellen als Russland, sie seien nicht unbedingt auf russisches Gas angewiesen. Warum wird uns etwas anderes erzählt?

Und was bedeutet die Aussage, dass hier selbst die einfachen Leute wüssten was passiert? Wer ist damit gemeint? Menschen die trotz hoher Schuldbildung am Existenzminimum leben, weil formale Arbeit schlecht bezahl wird und dann auch noch über 40% Steuern abgezogen werden? Aber auch ohne akademische Ausbildung weiß man spätestens seit der Auflösung der UdSSR und aufgrund von Inflation und Engpässen sehr gut, dass man Geld, wenn man welches über hat möglichst gleich in materiellen Gütern anlegen sollte und nicht die Hände von irgendwelchen Bänkern geben sollte. Auch dass Politiker nichts aus Sorge um das Gemeinwohl machen ist jedem klar. Da wird die Stimme freudig der Person gegeben die einem am meisten dafür zahlt (und wird bei uns nicht auch von vielen Menschen die Partei gewählt, die ihnen die meisten Steuern erlässt?).

Wie dem auch sei. Die Frau die sie befragten war Krankenschwester und ihr Mann Polizist. Seit Monaten wird ihm nur noch ein Teil des Lohns ausgezahlt und um sich und ihr Kind zu ernähren sind sie auf die Unterstützung ihrer Mutter angewiesen die aus der Datscha Obst und Gemüse beisteuert. Solche Geschichten gibt es viele. Ich weiß nicht genau wie der aktuelle Stand ist, aber vor 3 Jahren haben Angestellte an Universitäten ein Gehalt von ca. € 120,- Kindergärtnerinnen ca. € 80,-  bekommen und die Lebensmittelpreise hier unterscheiden sich nicht erheblich von den unseren. In den Städten muss Miete gezahlt werden und der Gaspreis steigt auch immer weiter. Da ist es kein Wunder dass die Menschen einige Dinge klarer sehen. Arbeitet man selbstständig ist man darauf angewiesen die richtigen Leute zu kennen und durch Zusammenarbeit ist es möglich erheblich viel mehr Geld zu verdienen. Die Verbindung die die Menschen hier zu Institutionen haben ist einfach eine andere. Um in eine hohe Stellung zu gelangen muss man Geld bezahlen, damit man dann, dafür auch mehr Geld bekommt. Und wenn man sich dafür erst einmal vom Nachbarn, egal wie geliebt oder verhasst er sein mag, einen Kredit aufnehmen muss dann ist das langfristig dennoch eine gute Investition. Der Polizist, der keinen vollen Lohn erhält, regelt die Dinge dann auch gerne unbürokratisch, wenn das seine persönliche Situation etwas erleichtert. Menschen die schwarz auf Baustellen arbeiten werden nach vollendeter Arbeit von den neureichen Arbeitgebern unbezahlt mit der Pistole vom Grundstück verjagt. Sie können nicht zur Polizei gehen und sind ohne finanzielle Mittel einfach nur machtlos und verzweifelt.

Gleichzeitig sitze ich hier vor Anträgen verschiedener Stiftung, die mit € 2.000 – 20.000  Projekte fördern wollen die den Demokratisierungsprozess vorantreiben und Korruption bekämpfen. Wo soll man da denn anfangen? Die Menschen die in den NGOs arbeiten sind genau so auf das “korrupte” System angewiesen, wie alle andere Menschen auch. Mit € 2.000 kann man vielleicht ein dreimonatiges Projekt mit 2 Personen finanzieren, aber auch das nur wenn man sehr knapp kalkuliert und keine Miete zahlen muss. Aber an was für eine Art von Projekt denken die Stiftungen? Und waren die Leute die solche Ausschreibungen in Auftrag geben schon mal hier? Wer hat denn die Möglichkeit ein einigermaßen vernünftiges Projekt umzusetzen, wenn von dem Projektgeld keine Löhne gezahlt werden dürfen aber trotzdem die Familie ernährt werden muss?

Na ja. Wir werden die Bewerbungen abschicken und abwarten was passiert. So wie die anderen einfachen Leute auch. In stoischer Ruhe probieren das Leben Tag für Tag zu nehmen und sich nicht zu viele Gedanken um ein ungewisses Morgen zu machen. Glaubt man den Nachrichten und Aussagen der Menschen hier steht die absolute Katastrophe kurz bevor. Die wievielte? Da zählt keiner mehr mit. Die letzte wird es bestimmt nicht sein.

neuer versuch…

…regelmäßiger zu schreiben.

Jetzt bin ich im neuen Jahr schon ziemlich genau 5 Tage zurück in der Ukraine oder in Transkarpatien und es gibt schon wieder einige lustige Begebenheiten zu berichten.

Da wäre zum einen der seit meiner Ankunft anhaltende Versuch ein Fax abzuschicken. Erstmal musste ich A.A, antreffen, der den Zettel unterschreiben sollte (Formalitäten um meine Stelle hier zu legitimieren), bevor ich ihn nach Deutschland schicken konnte. Das hat drei Tage gedauert. Meine Möglichkeiten mich draußen zu bewegen sind hier an die Tageszeiten gebunden an denen es hell ist, A.A. ist zu dieser Zeit meistens selbst unterwegs, was ein Treffen nicht immer einfach macht. Die Straße zu dem Haus in dem ich wohne ist ziemlich schlecht, so dass er selten in Erwägung zieht bei mir vorbei zu fahren. Als ich ihn traf und er mir den Zettel unterschrieb, blieb leider keine Zeit mehr um den Zettel zu faxen, da seine Masseuse gerade kam.

Also neuer Versuch am nächsten Tag, gestern. Als ich zum verabredeten Zeitpunkt ankam war schon wieder eine Liege bei ihm im Zimmer aufgebaut weil die Masseuse gerade da war. Also bekam ich den Schlüssel und wurde alleine hoch ins Büro geschickt um das Fax ab zu schicken, die Frage warum diese Möglichkeit gestern noch nicht in Betracht gezogen wurde, stellt sich eigentlich nicht. Das Fax abzuschicken, hat trotzdem nicht geklappt. Ich muss dazu sagen, dass ich mich noch nie sonderlich gut mit Faxgerät verstanden habe und eigentlich Dinge lieber einscanne und per mail versende – die Wahrscheinlichkeit dass das klappt ist größer, aber ich habe hier keinen Scanner und wahrscheinlich liegt diese Skepsis gegenüber Faxgeräten und ihr damit verbundenes Versagen meine Wünsche zu erfüllen einfach nur an mir. Dieses Faxgerät sprach zu mir auf Russisch. Was mich dazu veranlasste anzunehmen, dass ich keine falsche Nummer gewählt hatte, dann würde die Stimme auf der anderen Seite wahrscheinlich Deutsch sprechen. Also lag das Problem daran ein Fax ins Ausland zu schicken. Die Frau auf der anderen Seite, die von mir wissen wollte wer ich bin und was ich will, zwischendurch verstand ich von ihr sowas wie “operator”, war nicht alleine. Das Wort “operator” ließ mich spekulieren, dass man mit einem Festnetztelefon vielleicht etwas sagen muss, bevor man ins Ausland weiter geleitet wird? Wäre das nicht der Fall, würde ich mir ziemlich blöd vorkommen ihr zu erzählen dass ich ein Fax nach Deutschland schicken möchte… So blieb ich stumm und von mal zu mal, dass ich den Versuch erneut startete schienen sich mehr Menschen ums Telefon zu versammeln und ich fragte mich was so interessant an einem stummen Anrufer sei, schließlich konnten sie ja nicht wissen, dass ich eine Ausländerin bin die unfähig ist ein Fax zu versenden…

Meine nächste Idee war zur Post zu gehen und dort das Fax für mich abzuschicken (auch hier stellte sich mir die Frage warum ich da nicht schon früher drauf gekommen war). Die Post befindet sich in einem alten Gutshaus (Radvanka, der Stadtteil in dem ich wohne ist nach einem Gutsherrn benannt der auf diesem Gebiet seine Ländereien hatte und damals einige Zigeuner einlud sich hier anzusiedeln. Aus seiner Zeit sind noch einige Gebäude erhalten, das eine ist die heutige Schule, das andere eben jene Post). Die Post hatte natürlich kein Faxgerät, weswegen ich mein Formular dann einfach per Post abschickte und mal wieder überrascht war, dass die Funktionen der Post hier so divergent zu der unsrigen ist. Nicht nur dass die Menschen zur Post gehen um sich Kindergeld und Rente und ähnliches auszahlen zu lassen, auch “Sozialhilfe” die ab und zu in Gütern wie Öl, Mehl und Zucker an arme Familien ausgeteilt wird muss bei der Post abgeholt werden. Es ist also immer ein reges Treiben dort. Alles funktioniert natürlich ohne Computer o.ä. sondern mit langen handschriftlichen Listen auf Papier. Um meinen Brief zu wiegen musste auch erst ein anderes Gerät aus der Steckdose gezogen werden um die elektronische Wage anzuschließen. Dafür nehmen sie sich die Zeit, auch zu prüfen ob die Ausländerin alles richtig ausgefüllt hat, damit die nächste Station das auch Lesen kann und haben mir einen besonders schönen Briefumschlag rausgesucht, auf dem ein Bild von Uzhgorod zu sehen ist (Nachtrag: der Brief brauchte fast zwei Wochen zu seinem Empfänger).

Mein anderer Kontakt mit der immer wieder überraschenden Außenwelt fand im Fotoladen statt, wo ich endlich die Fotos von der Hochzeit entwickeln lassen wollte, auf die die Leute in Szernye schon so lange warteten. Als ich den Laden betrat grüßte mich die Frau die dort über ihren Büchern saß zurück, sah jedoch nicht auf und füllte fleißig weiter Reihen mit Zahlen und Buchstaben. Ich sah mich in der Zeit etwas um und wartete und wartete und wartete, bis sie mich irgendwann fragte was ich denn wolle und mich in das nächste Zimmer, die Dunkelkammer/Studio verwies, wo ich aufgefordert wurde mich zu setzen und zu warten, bis sie fertig mit dem belichten von irgendwelchen Bildern waren. Danach wurde das Licht wieder angemacht und ich aufgefordert an den Computer zu kommen. Dort wurden meine CDs mit ca. 200 Bildern geöffnet, um zu überprüfen ob der Computer die Bilder auch öffnen kann. Nachdem das geklärt war, wurde ich wieder nach vorne geschickt wo inzwischen eine weitere Frau saß, die ausrechnete was ich zu bezahlen habe, meinen Nachnahmen aufschrieb, mich bezahlen lies und mir mitteilte dass ich die Bilder am Montag abholen könne. D.h. die haben jetzt meine Bilder, mein Geld und meinen Namen und ich nichts. Wird ganz sicher trotzdem klappen.

seems like spring to me

Zumindest ist es hier gerade warm genug um gemütlich ohne Jacke durch die Sonne zu spazieren. Nach wochenlangem grau in grau und allgemein eher unfreundlichem Wetter scheint endlich wieder die Sonne. Wenn in Deutschland die ersten Sonnenstrahlen, die erahnen lassen dass es bald Frühling wird, rauskommen ist das schön, dennoch fühle ich mich dort selten so beschwingt wie hier.

Auf einmal sind alle Menschen auf der Straße – zumindest in den Zigeunervierteln. Großeltern gehen mit ihren Enkelkindern die Straßen auf und ab, von den Grundstücken kommt Musik, es wird gefegt, Gras gezupft, der Hof aufgeräumt, Teppiche ausgeklopft, Autos und Fahrräder repariert und Wäsche aufgehängt. Nachbarn unterhalten sich in kleinen Grüppchen auf der Straße, meine Nachbarin geht mit ihren Hühnern spazieren und der Junge von gegenüber steht in Mamas Pantoffeln und mit Papas Gewähr im Hoftor, ahmt erstaunlich gut Vogellaute nach, um gleich darauf auf die antwortenden Vögel zu schießen.

Es liegt ein unwahrscheinlich toller Geruch von Feuer in der Luft, von dem ich gar nicht genug einatmen kann, auch wenn wahrscheinlich hauptsächlich der Müll verbrannt wird, der beim Aufräumen des Hofes zusammen getragen wurde. Gleichzeitig wirken alle Menschen fröhlich, freundlich und optimistisch (oder bin das nur ich?).

Eine andere Freude, die mir fast täglich – und bei schönem Wetter besonders – widerfährt ist der Gang über die Bahnschienen. Radvanka liegt von der Innenstadt gesehen hinter den Bahnschienen und wenn man nicht die große Straße nehmen möchte muss man eben darüber, gelangt an den Fluss (der gerade wenn es taut auch noch wunderschön türkis leuchtet) an dem man dann weiter Richtung Stadtkern spazieren kann. Kommt man von meinem Haus, biegt man von der Straße ab, geht einen matschigen Weg entlang, vorbei an kleinen Hütten und Häusern steigt über den Müll, der sich hinter den Häusern die Anhebung zu den Schienen hinauf sammelt (je näher an den Schienen desto ärmlicher die Häuser) und sollte lieber nach rechts und links schauen bevor man über die Schienen steigt und ggf. die Bahn vorbei fahren lassen.

Als ich heute wieder Richtung Radvanka stieg blickten mir zwei Hunde entgegen: Vorderpfoten auf den Schienen, Hinterpfoten auf der Erde und Nase im Wind. Der eine überquerte die Schienen der andere blieb stehen. Ein weiterer kam und nahm die gleiche Position ein, um danach ebenfalls die Schienen Richtung Fluss zu überqueren. Der andere verblieb so bis ich abbog. Ob sie eine herankommende Bahn fühlten? Oder es dort besonders riecht? Der Eindruck wird bleiben und aus irgendeinem Grund ein Gefühl von Freiheit, gleichzeitig genauso nah an einer Realität dran wie von ihr entfernt. Unbeschreiblich.

(Und, was soll ich sagen? An solchen Tagen geht es mir großartig. Der Himmel leuchtet, alles strahlt und sieht aus wie im Film, ich grinse und freue mich hier zu sein…)

Soundtrack: Ben Lee – I love Pop Music

uzhgorod sucht den superstar

Als Erwin und Michaela, zwei Freunde aus Leipzig mich letztes Jahr hier besuchten, trafen wir nach einem Spaziergang durch die Stadt auf eine Menschenmenge, die sich auf dem zentralen Platz in der Innenstadt von Uzhgorod versammelt hatte. Ich erkannte sofort einige Gesichter aus der Familie von A.A.. Seine Nichte, die auch abends bei ihm im Restaurant singt stand in der Mitte und sang. Als sie mich sahen, wurde ich gefragt ob ich nicht auch etwas Geld für ihr Singen dazu geben würde. Ich gab einer ihrer Freundinnen Geld und sie lief nach vorne und gab es einem Mann, der es zu dem bereits gesammelten Geld in ein Behältnis tat. Nachdem alle gesungen hatten wurde das Geld gezählt und jede_r Teilnehmer_in bekam den eigenen Teil überreicht. Zum Sieger wurde die Person gekürt, die das meiste Geld gesammelt hatte. Ich war bestürzt über die Einfachheit dieses Konzepts, das ja im Endeffekt jedem die Möglichkeit gab sich den ersten Platz zu kaufen. Wenn man das Geld danach zurück bekommt, müsste man es nicht einmal selber besitzen sondern könnte es sich auch leihen…

Für mich stand fest, dass die Menschen hier das Prinzip eines Wettbewerbs, einer demokratischen Abstimmung und dem vernünftigen Kapitalismus noch nicht verstanden hatten.

Inzwischen denke ich, dass es viel eher eine ehrliche Übersetzung der westlichen Heuchelei ist. Wenn die Wege die Geld zurück legt bei uns schwer ersichtlich sind und hinter vorgehaltener Hand ablaufen und wir uns vormachen, dass das Leben in einer Demokratie etwas mit Gerechtigkeit und freier Meinungsäußerung und -bildung zu tun hat, ist der Weg und das mit ihm Verbundene Ergebnis hier wenigstens offen und direkt. Hier weiß und sagt dir jeder, dass mit Geld alles möglich ist. Wir versuchen immer noch uns vorzumachen dass es Gerechtigkeit gibt und unsere “funktionierende” Demokratie schon dafür sorge, dass alle die gleichen Chancen hätten.

grenze, arbeit und andere kirche

…ich weiß dass mein letzter Eintrag Ewigkeiten her ist, aber die Magisterarbeit hat zum Ende hin meine Schreibkompetzen ganz für sich alleine beansprucht. Danach dann erstmal wieder Kopf frei bekommen und den nächsten, jetzt folgenden Abschnitt angehen.

Und bevor ich anfange alles Erlebte von hinten aufzurollen – was wahrscheinlich noch weitere Ewigkeiten dauern würde lieber ein paar spontane Eindrücke. Leipzig tat gut und es war schön zu erfahren, dass ich so großartige Freunde habe. Und auch hier freuen sich die Leute offensichtlich schon, wenn ich wieder komme. In Uzhgorod war ich aber zunächst nur für 2 1/2 Tage, dann musste ich schon wieder weiter nach Rumänien um dort an einem fünftägigen Seminar für Freiwillige die in Romaprojeken arbeiten und Roma die in Gadje (= das ist das Romani Wort für die Mehrheitsbevölkerung) Projekten arbeiten, teilzunehmen. Dabei ist für letztere die Tatsache dass sie Roma sind relativ nebensächlich im Bezug auf ihren Freiwilligendienst und es schien als wussten sie nicht wirklich warum sie eigentlich an diesem Seminar teilnehmen sollten. Sie wollten einfach einen Freiwilligendienst wie alle anderen eben auch machen was sie praktisch ja auch tun. Während des Seminars das als ein Roma-Gadje Dialog gedacht war fand ich es etwas problematisch, dass anfänglich viel Verallgemeinert wurde und wusste nicht genau wie sich die “Roma-Teilnehmer_innen” fühlten ganz ungefragt zu einer Minderheit gezählt zu werden über die die ganze Zeit in der dritten Person geredet wird. Aber im Laufe des Seminars hat sich das gebessert, alle haben mehr oder weniger aktiv teilgenommen, nicht mehr nur aufgenommen sondern auch hinterfragt. Der Austausch unter den Freiwilligen über ihre Erfahrungen in der “Fremde”, mit neuen Menschen, Routinen, Problemen und Sprachen stand realistisch betrachtet im Vordergrund, Roma eher als vager Begriff, zu dem noch kein direkter Zugang gefunden wurde, zwar allgegenwärtig, der Grund der uns zusammenbrachte, aber dennoch eher im Hintergrund. Zur lokalen Kultur (egal welcher) haben wir fast gar nichts erfahren, was ich sehr schade fand und so wohl ein anderes Mal etwas intensiver nach Rumänien fahren muss um mich selber ein bisschen um zu sehen.

Grenzübergänge gab es auch wieder viele, wobei diesmal die rumänische Grenze am spannendsten war: Auf dem Hinweg musste M. (mit ukrainischem Ausweis) mit ukrainischer Schokolade für den reibungslosen Übergang bezahlen und auf dem Rückweg wurde das ganze Auto ausgeräumt. Während M. probierte zu vermitteln, dass wir Mädchen (ich und noch zwei weitere Freiwillige aus einem ukrainischen Nachbardorf) aus dem Westen seien und bestimmt nicht, was auch immer, von Rumänien nach Ungarn schmuggeln würden.

“Schmuggler sehen anders aus! Das wissen Sie doch auch!”

Wussten sie wahrscheinlich auch. Aber da es dort ziemlich leer und kalt war brauchten sie Beschäftigung.

Lustiger war eigentlich auch, dass wir in Ungarn bei Mc Donalds halten mussten, wo M. einen Großeinkauf für seine Familie machte, die schon während der Fahrt ein paarmal anrief und sich offensichtlich sehr auf kaltes Mc Donalds Essen freute…

Hier hat dann Mittwoch auch gleich wieder die Arbeit (im Bezug auf mein Aufgabengebiet hier immer noch ein sehr schwammiger Begriff) angefangen. Ich habe mich mit A.A. getroffen und mit Evgenija und mit M. Alles aus unterschiedlichen Gründen. A.A, wollte, dass ich ihm Karaoke Lieder aus dem Internet runterlade, weil sie mehr Abwechslung im Restaurant brauchten. Geklappt hat das aber nicht so richtig und ich bin mir immer noch ziemlich sicher, dass man hier viel einfacher gebrannte DVDs mit so etwas kaufen kann, als mir die ziemlich blöde Aufgabe zu geben “ukrainische Karaoke Lieder” zu suchen. Ich habe mich zwar bemüht, aber keine Originale und auch nicht die richtigen Lieder gefunden und hoffe sehr, dass sich mein Arbeitsbereich zukünftig nicht weiter in einem vagen “such mal irgendwas im Internet” ausbreiten wird.

Danach habe ich mich mit Evgenija, Historikerin die auch für Romani Yag arbeitet, getroffen um über unser Buchprojekt zu reden: “The History and Culture of the Roma in Transcarpathia”. Das Geld für das Projekt war wohl schon mal da, das Buch hätte aber bis zum 10.12. fertig sein sollen, was es bestimmt nicht wird. Bis jetzt gibt es 28 Seiten auf Ukrainisch und ich wurde beauftragt das zu übersetzen, womit ich auch heute begonnen habe (und wofür ich bestimmt noch länger als nur die nächsten zwei Tage brauchen werde). Bei diesem ersten Teil handelt es sich hauptsächlich um eine geschichtliche Einführung. Ich soll danach weiter über die aktuelle Situation im Bezug auf Religion/Wirtschaft schreiben, was mich freut, weil ich dann ein paar mehr Gründe habe mich außerhalb der gewohnten Umgebung zwischen Szernye und Uzhgorod zu bewegen. Vertreter aller hier ansässigen Kirchen sind bereits kontaktiert und vielleicht kann ich nächste Woche beginnen ein paar von ihnen zu treffen und Interviews mit ihnen zu machen. Wie genau das Buch strukturiert (und finanziert) werden wird weiss ich allerdings nicht und wir müssen bestimmt auch erstmal ein vernünftiges Konzept vorlegen bevor wir uns darum kümmern können.

Eben gerade war ich mit Miro auf der Eröffnung einer Pfingstkirche, nur zwei Straßen von meinem Haus entfernt. Da waren Pastoren aus der ganzen Ukraine anwesend und es war ziemlich voll. Es wurde sehr viel gesungen und erzählt und es gab ein ewiges Kommen und Gehen und Aufstehen und Hinsetzen, was aber niemanden zu stören schien. Wichtige Gäste wurden nach vorne geschoben, andere verzogen sich dafür nach hinten. Gesprochen wurde auf Russisch, Ukrainisch, Ungarisch und Romani, even a little English. Spannend fand ich, dass am Anfang mehrmals wiederholt wurde, dass es egal sei in welche Kirche man ginge, da doch alle Menschen Gottes Kinder seien – theoretisch ja eine sehr realistische Erkenntnis: Katholisch, Reformiert oder eben neu-christlich mache keinen Unterschied da doch alle zum gleichen Gott beteten. So etwas würde man bei den Katholiken oder Reformierten trotzdem nicht hören. Macht aber viel mehr Sinn, wenn man eine kleine Kirche direkt in der Zigeunersiedlung hat, alle anderen Kirchen ein ganzes Stück entfernt sind und damit allen Anwesenden die Möglichkeit gegeben wird am nahe liegendsten Gottesdienst teilzunehmen (der zugegeben auch viel erfrischender und inkluierender ist, als die die ich jemals bei der Reformierten Kirche erlebt habe).