Überall um mich herum herrscht sympathisches Chaos. Ich sitze grade auf der Terrasse des Restaurants, das zum Hotel gehört, wollte eigentlich Kartoffelspalten mit Käse essen, stattdessen steht jetzt ein großes Bier und eine Suppe voller Speck und Bohnen vor mir. Lecker schon, aber auf diesem Glibschkram im Mund rum zu kauen klappt trotz größter Bemühungen einfach nicht.
Jana und Mark, die so freundlich waren mich aus Deutschland mit all meinem Gepäck für ein Jahr mit dem Auto hierher zu bringen mussten leider nach ein paar Tagen wieder zurück, so dass ich Uzhgorod und meine neue, temporäre Heimat von nun an alleine Erkunden muss.
Das Restaurant “Romani Yag” hat sich nicht nur äußerlich einer Zigeunerthematik* angenommen (siehe Bild: Freisitz mit Zigeunerwagen*) sondern auch das Menü wirbt mit spezieller Zigeunerküche* – die mir offensichtlich gerade näher gebracht werden soll. Es wurde mir immer wieder erzählt, dass bei wohlhabenden Roma/Zigeuner_innen Zigeunerküche hauptsächlich bedeutet, dass es sehr viel Fleisch gibt. Neben „Zigeunerschnitzel“ (was für mich in diesem Kontext gerade sehr nach Kanibalismus klingt, aber natürlich keineswegs ist) und „Gulasch nach Zigeunerart“ gibt es z.B. Hühnersuppe „Zappzarrap“. Das ist Suppe mit geklautem Huhn – weil kein Huhn so gut schmeckt wie geklautes Huhn (und ihr solltet mal sehen wie die Augen gefunkelt haben als mir das freudestrahlend erzählt wurde)! Außerdem gibt es „Bogácsa“ – das ist Hefeteig in der Pfanne (ursprünglich in der Kohle) gebraten und Innereien.
„Cigány haluska“, d.h. übersetzt Zigeunernudeln gibt es im Restaurant zwar nicht, aber eine Spezialität sind sie trotzdem. Die Nudeln werden aus dem gleichen Teig gemacht wie andere Nudeln (hier werden Nudeln allgemein meistens selber gemacht) aber nicht geschnitten sondern in kleinen Stücken in das kochende Wasser gezupft. Die Geschichte dazu besagt, dass die Zigeuner – als sie noch herum zogen – keine Tische hatten auf denen sie die Nudeln hätten schneiden können. Dafür hatte jede Frau einen speziellen Rock, der über die anderen gezogen wurde um das Essen zu zubereiten. In diesem Rock wurde sich vor den Topf auf dem Feuer gehockt, der Teig über dem Oberschenkel ausgebreitet und so über Knie ins Wasser gezupft. Die gekochten Nudeln werden dann mit Kohl (haben sie den auch gezupft?) angebraten. Eine weitere Delikatesse von der mir nur berichtet wurde, ist geklautes Huhn. Es wird, nachdem es von den Federn befreit wurde, mit Lehm umhüllt und so lange ins Feuer gelegt wurde bis der Lehm gebrannt ist und man die „Kruste“ einfach abschlagen kann. Danach soll das Fleisch sehr zart sein, aber da heute keiner mehr auf dem Feuer kocht und das mit dem Lehm auch nicht so hygienisch ist können sie das im Restaurant nicht anbieten.
Dieses Restaurant ist für mich ein absolutes Phänomen. Es spielt mit und bestätigt alle romantisierenden Stereotype über das “Zigeunerleben”. Die Idee dahinter ist, so wurde mir erklärt, das positive Bild der “Roma/Zigeuner_innen” damit zu bestärken. Kultur zu bieten und durch Sauberkeit und qualitativ hochwertige Unterhaltung und Speisen ein kultiviertes Gegenbeispiel zu den bettelnden Roma/Zigeuner_innen auf der Straße zu setzen.

Restaurant und Hotel wurden erst vor kurzem eröffnet und noch konnten nicht alle Bauarbeiten abgeschlossen werden. Neben mir werden Rohre verlegt, Löcher geschlagen, angepasst, hin und her gerufen (auf vielen unterschiedlichen Sprachen gleichzeitig und abwechselnd), gestern wurden Bewegungsmelder angebracht und auch andere Dinge befinden sich gerade eher noch im Aufbau. Die Baumaßnahmen wirken auf mich alle ein wenig semi-professionell, aber es scheint fürs erste zu klappen. Stabiles, nachhaltiges Bauen ist das aber nicht. Es liegt mir fern besserwisserisch klingen zu wollen und ich könnte das selber definitiv nicht besser, aber die Wände im Hotel, obwohl ganz neu, sind jetzt schon von ziemlich vielen Rissen durchzogen und das kommt bestimmt nicht von den ständigen Erdbeben hier… Meine Zimmertür auf- und zuzuschließen ist jedes mal mit der großen Angst verbunden den Schlüssel abzubrechen, weil alles klemmt und so verzogen ist.
Mein „Arbeitsalltag“ ist noch nicht wirklich anstrengend, dafür schon etwas routiniert. Der Tag beginnt hier normalerweise um 10h, dann fahren wir ins Büro, rufen die emails für Romani Yag ab und ich beantworte sie wenn nötig auf Englisch. Mit Vera, der Buchhalterin, wird kurz gegenseitiges Gemecker und Informationen ausgetauscht und dann geht‘s wieder nach Hause, oder kurz auf Ämter oder ähnliche Besorgungen machen… Großartig wäre es mobiles Internet zu besorgen, damit ich nicht nur einen besseren Kontakt nach Hause herstellen kann, sondern auch um hier besser arbeiten zu können. Aber das erweist sich leider gerade als so kompliziert und mit so vielen unterschiedlichen Vorgängen und Verzögerungen verbunden wie befürchtet. In der Hoffnung, dass sich die Mühlen schneller drehen, wenn ich immer wieder betone, dass ich ohne Internet auch für Romani Yag nicht vernünftig arbeiten kann, warte ich jetzt erstmal weiter ab.
*direkte, so verwendete Übersetzung aus dem Ungarischen.








