Überall herrscht sympathisches Chaos. Ich sitze grade auf der Terrasse des Restaurants, das zum Hotel gehört, wollte eigentlich Kartoffelspalten mit Käse essen, stattdessen steht jetzt ein großes Bier und eine Suppe voller Speck und Bohnen vor mir. Lecker schon, aber auf diesem Glibschkram im Mund rum zu kauen klappt trotz größter Bemühungen einfach nicht.
Das Restaurant hat sich nicht nur äußerlich einer Zigeunerthematik angenommen (siehe Bild: Freisitz mit Zigeunerwagen) sondern auch das Menü wird mit spezieller Zigeunerküche – die mir offensichtlich gerade näher gebracht werden soll. Bei wohlhabenden Zigeunern bedeutet Zigeunerküche hauptsächlich, dass es sehr viel Fleisch gibt. Neben „Zigeunerschnitzel“ (was für mich im Kontext gerade sehr nach Kanibalismus klingt) und „Gulasch nach Zigeunerart“ gibt es z.B. Hühnersuppe „Zappzarrap“. Das ist Suppe mit geklautem Huhn – weil kein Huhn so gut schmeckt wie geklautes Huhn (und ihr solltet mal sehen wie die Augen gefunkelt haben als mir das freudestrahlend erzählt wurde)! Außerdem gibt es „Bogácsa“ – das ist Hefeteig in der Pfanne (ursprünglich in der Kohle) gebraten und Innereien. „Cigány haluska“, d.h. übersetzt Zigeunernudeln gibt es im Restaurant zwar nicht, aber eine Spezialität sind sie trotzdem. Die Nudeln werden aus dem gleichen Teig gemacht wie andere Nudeln (hier werden Nudeln allgemein meistens selber gemacht) aber nicht geschnitten sondern in kleinen Stücken in das kochende Wasser gezupft. Die Geschichte dazu besagt, dass die Zigeuner – als sie noch herum zogen – keine Tische hatten auf denen sie die Nudeln hätten schneiden können. Dafür hatte jede Frau einen speziellen Rock, der über die anderen gezogen wurde um das Essen zu zubereiten. In diesem Rock wurde sich vor den Topf auf dem Feuer gehockt, der Teig über dem Oberschenkel ausgebreitet und so über Knie ins Wasser gezupft. Die gekochten Nudeln werden dann mit Kohl (haben sie den auch gezupft?) angebraten. Eine weitere Delikatesse von der mir nur berichtet wurde, ist geklautes Huhn. Es wird, nachdem es von den Federn befreit wurde, mit Lehm umhüllt und so lange ins Feuer gelegt wurde bis der Lehm gebrannt ist und man die „Kruste“ einfach abschlagen kann. Danach soll das Fleisch sehr zart sein, aber da heute keiner mehr auf dem Feuer kocht und das mit dem Lehm auch nicht so hygienisch ist können sie das im Restaurant nicht anbieten.

Chaotisch ist es aber nicht in der Küche sondern gerade um mich herum auf der Terrasse. Neben mir werden Rohre verlegt, Löcher geschlagen, angepasst, hin und her gerufen (auf vielen unterschiedlichen Sprachen gleichzeitig und abwechselnd), gestern wurden Bewegungsmelder angebracht und auch andere Dinge befinden sich gerade eher noch im Aufbau. Aber Restaurant und Hotel haben auch erst im letzten Monat eröffnet. Die Baumaßnahmen wirken auf mich alle ein wenig semi-professionell, aber es scheint fürs erste zu klappen. Stabiles, nachhaltiges Bauen ist das aber nicht. Es liegt mir fern besserwisserisch klingen zu wollen und ich könnte das definitiv nicht besser, aber die Wände im Hotel, obwohl ganz neu, sind jetzt schon von ziemlich vielen Rissen durchzogen und das kommt bestimmt nicht von den ständigen Erdbeben hier… Meine Zimmertür auf und zuzuschließen ist jedes mal mit der großen Angst verbunden den Schlüssel abzubrechen, weil alles klemmt und so verzogen ist.
Mein „Arbeitsalltag“ ist ähnlich improvisiert und auch mobiles Internet zu besorgen erweist sich so kompliziert und mit so vielen unterschiedlichen Vorgängen und Verzögerungen verbunden wie erwartet. In der Hoffnung, dass sich die Mühlen schneller drehen, wenn ich sage dass ich ohne Internet auch für Romani Yag nicht vernünftig arbeiten kann, was nicht mal gelogen ist, warte ich jetzt erstmal weiter ab. Der Tag beginnt hier normalerweise um 10h, dann fahre ich mit A. A. ins Büro, rufe die emails für ihn ab und antworte ggf. auf Englisch. Mit Vera, der Buchhalterin, wird kurz gegenseitiges Gemecker und Informationen ausgetauscht und dann geht‘s wieder nach Hause, oder kurz auf Ämter oder ähnliche Besorgungen machen…