Kurzes Update. Es ist immernoch ganz schön heiss hier, so wie Hochsommer in Deutschland. Sehr angenehm, den Sommer hier somit noch einen Monat länger genießen zu können. Der Winter und Herbst werden früh genug kommen und sicherlich ziemlich kalt sein. Vorhin war ich beim Bahnhof um nach zu sehen, wann morgen früh ein Zug nach Szernye fährt, wo ich dann voraussichtlich über das Wochenende bleiben werde um noch mal Interviews für meine Magisterarbeit zu führen (auch in der Schule). Neben der Arbeit bei Romani Yag und später wohl auch bei Romani Cherchen möchte ich hier nämlich auch meine Magisterarbeit über die Roma/Zigeuner_innen in Szernye schreiben. Die Arbeit daran läuft ganz gut, hab fast all mein Material was ich in den letzten Jahren geschrieben und gesammelt habe gesichtet und gekürzt und noch zu klärende Fragen rausgeschrieben. Den Rest wollte ich heute Abend machen und wenn die nächste Woche so gut wie diese läuft, dann könnte die Arbeit in ihren groben Zügen Ende nächster Woche fertig sein. Klingt ein bisschen zu ambitioniert? Mal schauen… Wenn’s diesen Monat fertig würde wäre das auch schon ok….
Aber schreiben hier mit direkter Verbindung – da macht die räumliche Nähe offensichtlich doch eine ganze Menge aus – geht einfach viel besser. Und natürlich ist es auch sehr angenehm zu wissen, dass ich für weitere Fragen nur noch 1 1/2 Stunden von Uzhhord nach Szernye fahren muss (Zug scheint laut Plan schneller geworden zu sein – ob das auch mit der Praxis übereinstimmt werde ich wohl morgen erfahren…)
Ansonsten bin ich ziemlich froh, dass ich schon Ungarisch kann, ich weiss gar nicht was meine neue Einsatzstelle sonst mit mir machen würde? Außer mir eine der zur Verfügung stehenden Sprachen bei zu bringen… Na ja, da das mit der Verständigung aber ziemlich gut klappt, hab ich als erste Aufgabe bekommen eine Stiftung zu finden, die ein Projekt für Rechtsberatung für Zigeuner aus der Region finanziert. Leider sind alle Projekte, wie z.B. die erste überregionale Zeitung von Roma zu Roma-Themen und die Rechtsberatung die vorher von Romani Yag gemacht wurden mangels Finanzierung in den letzten Monaten eingestellt worden und viele der ehemaligen Mitarbeiter_innen sind nicht mehr da. Darum ist es dort bis jetzt auch noch wahnsinnig ungeordnet und Daten über verschiedene Computer verteilt, mit nicht relationierbaren Namen versehen und na ja, von sehr unterschiedlicher Verwertbarkeit…
Meine neue Aufgabe ist es nun alle vorhandenen Daten zu sichten, nutzbare Informationen auf einer Internetseite zusammen zu stellen und wenn ich einen gewissen Überblick habe, zu beginnen neue Anträge auszufüllen. Ich glaube mein Chef hätte das zwar lieber andersrum, erst Anträge, dann Internetseite, aber mir ist es wichtig das in dieser Reihenfolge zu machen, um mir so selber einen Überblick zu verschaffen und darauf hin dann auch qualifizierter über die hier stattfindende Arbeit schreiben zu können.
Eine weitere Neuigkeit ist, dass ich am Montag wahrscheinlich umziehe. Meine Unterbringung für das gesammte Jahr war von Anfang an nicht wirklich geklärt und ich hatte bis jetzt einfach mal abgewartet was passiert, da mein Zimmer im Hotel wirklich nicht schlecht ist.
Nachdem es erst hieß, ich könnte für € 200,- im Monat im Hotel wohnen bleiben, haben sie diesen Preis jeden Tag um € 50,- erhöht, weil sie festgestellt haben, dass es sich für sie sonst, im Vergleich zu den normalen Tagespreisen, nicht rechnet (obwohl hier sonst niemand wohnt). Nachdem ich gesagt hatte, dass ich nicht soviel zahlen kann haben wir uns darauf geeinigt ein Zimmer/Wohnung für mich zu suchen. Das ging dann auch sehr schnell, wenn ich auch einige moralische Bedenken an der Art und Weise habe, wie ich zu dem Zimmer gekommen bin. Das Zimmer befindet sich im Haus von Verwandten (testvèr=Geschwister, hier aber eher ein weit gefasster Begriff), die für mich nun drei parkistanische Student_innen vor die Tür gesetzt haben. Im Haus gibt es warmes Wasser und einen Schlüssel für mein eigenes Zimmer und wahrscheinlich auch ein Klo drinnen. Vielleicht sogar eine Küche die ich mitbenutzen kann. Aber das wird sich dann wohl Montag zeigen.

Im Hotel überraschte mich gerade die Antwort auf die Frage, ob es eine Möglichkeit gäbe meine Wäsche zu waschen: “Nein, wir haben hier keine Waschmaschine.” Hat mich wirklich verblüfft. Ein Hotel und Restaurant ohne Waschmaschine, dafür Flachbildschirme und Whirlpooldusche (die ich immer noch nicht vernünftig genutzt habe). In dem Zuge habe ich aber auch ein neues wahrscheinlich transkarpatisches Wort gelernt: wasólni (sprich: wascholni). Das eigentliche ungarische Wort wäre mosolni (sprich moscholni), ist also vom Klang nicht so weit weg, aber da es weder im Russischen, noch im Ukrainischen einen Wortstamm mit wasch- gibt, erscheint es mir doch als eine ziemlich deutliche Anlehnung ans Deutsche (es gibt hier in der Region auch eine deutsche Minderheit).
Die Stereotype die mir bis jetzt präsentiert wurden (von einem Roma/Zigeuner wohlgemerkt), sind nicht ohne: “Unsere Buchhalterin (auf russisch: buchhalter) ist jüdisch. Juden sind sehr gute Buchhalter. Schon immer. Die haben das im Kopf. Die Russen können das nicht so gut.”
Auf die Russen sind sie hier sowie so nicht gut zu sprechen. Das sind alles Diebe und Kommunisten und viel zu streng und starr und zu böse.


Bis ich anfangen kann mich hier mit jemandem über die Dekonstruktion und Gefahr von verfestigten Stereotypen zu unterhalten wird es wohl noch ein wenig dauern…








