Über Bahnen, Grenzen und Hunde
Auf meinem letzten Weg nach Deutschland habe ich das erste mal die Bahnverbindung über die Slowakei und Tschechien ausprobiert, was sehr gut funktioniert hat. Der Bahnübergang von Chop in die Slowakei ist zwar aufregender als der nach Budapest (über beide Grenzen wird in beide Richtungen viel geschmuggelt) aber als Westeuropäer_in hat man eigentlich nichts zu befürchten, dafür aber viel zu beobachten. Bei der Einreise in die Slowakei muss man einige Zollerklärungen ausfüllen. Z.B. über die Zigaretten die man dabei hat, mit Code und Gewicht… das muss man in Ungarn nicht. Aber ich hatte erfahrene Leute dabei, die mir beim Ausfüllen geholfen haben und überraschenderweise alle Ungarisch sprachen, was ich bei dieser Grenze nicht unbedingt erwartet hätte. Offensichtlich wohnen in der Grenzregion in der Slowakei auch sehr viele Ungar_innen. Ob diese doppelte Abhebung zur Zugehörigkeit der jeweiligen Nationalstaaten (Menschen der ungarischen Minderheit pendeln zwischen Ukraine und Slowakei) eine Rolle in ihrem Handeln und Verhalten spielt kann ich nicht sagen, aber von der 3/4 Stunde die diese Grenzüberquerung gedauert hat, könnte ich ewig viele Geschichten erzählen!
Da war zum einen ein sehr lautes Kind, das ungarisch sprach, allerdings auf eine sehr merkwürdige Weise. Selten in ganzen Sätzen dafür mit sehr viel Mimik. In solchen Situationen komme ich mit meinen Ungarischkenntnissen an Grenzen, die es mir nicht ermöglichen gewisse Nuancen und Stilmittel zu unterscheiden, und festzustellen, ob das einfach nur aufgedreht und albern war, oder auf die eine oder andere Weise beeinträchtigt. Nicht, dass das besondere Relevanz gehabt hätte, aber ich bin grade so ans Analysieren gewöhnt, dass mich verwirrende Grenzen die unseren Kategorien nicht entsprechen und so schwer einzuordnen sind immer wieder reizen. Auch ob es ein Mädchen oder ein Junge war kann ich nicht sagen. Es hatte eigentlich einen männlichen Vornamen, sah mit dem Zopf und blonden Locken aus wie ein kleines Mädchen – der Laster in der Hand sprach wieder dafür, dass es ein Junge war.
Macht Spaß sich so immer wieder selber dabei zu ertappen, seine Voreingenommenheit nicht abstellen zu können.
Außerdem gebe ich mir für meine Magisterarbeit gerade Mühe herauszufinden wie Roma/Zigeuner_innen von Außen als solche erkannt werden. Der Vater von dem Kind, sah auf Grund seiner Kleidung aus wie ein Amerikaner, sprach aber Ungarisch und war offensichtlich slowakischer Staatsbürger. Durch seine dunklen Haare und dunkle Haut, hätte er, da er nicht aus Amerika kam, dann eher ein Roma/Zigeuner sein müssen (dieses Auswahlverfahren schließt die Erfahrung mit ein, dass Ausländer die die Grenzen hier überqueren meistens „Back-to-the-Roots“ traveller aus den USA oder Missionare sind, die meistens aus Holland oder dem anglophonen Sprachraum stammen). Weder sein Verhalten und seine Sprache noch seine Begleitung gaben aber einen Hinweis darauf, dass er Roma/Zigeuner sein könnte, so dass ich für mich entschied, dass er per Selbstpräsentation kein Zigeuner sei und mir alles andere fern liegt zu beurteilen. Dass er von der Mehrheitsbevölkerung offensichtlich ohne Zweifel als Roma/Zigeuner angesehen wurde, wurde allerdings einen Moment später deutlich, als er als einzige_r Mitfahrer_in nach dem Verlassen des Zuges einer weiteren Zoll-Kontrolle unterzogen wurde…
Dabei haben wahrscheinlich außer mir und dem Kind alle geschmuggelt, auch wenn mir immer noch unverständlich ist wie. Die Frau bei mir im Abteil versuchte ihr Glück mit einem tiefen Ausschnitt und dem krassesten Brust-Entgegenstrecken was ich jemals gesehen habe. Aber auch die anderen liefen ständig flüsternd von einem Abteil ins andere. Die Grenzbeamten haben meines Erachtens alles an der Bahn auseinander genommen haben, was es gab, wenn sie also eh bestochen wurden, oder in anderen Worten ebenfalls von dem Geschäft profitieren, verstehe ich nicht warum sie trotzdem jede Schraube einzeln lösen mussten. Wenn das alles nur Theater war hätten sie wohl auch nicht damit zufrieden gegeben mir nur einmal kurz in den Rucksack zu sehen….
Nach einer diesem Grenzübergang folgenden kalten aber schönen Woche in Deutschland, bin ich dann am Freitag nachmittags in Budapest gelandet um Montag morgen wieder zurück in die Ukraine zu fahren. Eigentlich sollte ich in Budapest anfangen eine Website für RGDtS zu machen, aber demjenigen mit dem ich das machen sollte, ist leider seine Familie dazwischen gekommen und so hatte ich noch ein paar erholsame Tage in Budapest. Ich musste mal wieder feststellen, wie schön es in Budapest ist und dass ich demnächst gerne noch mal einen längeren Abstecher dorthin machen würde. Diesmal blieb nur Zeit für einen ein Ausflug zum ethnografischen Museum, der mich mitten durch den am Sonntag in schönster Sonne stattfindenden Marathon geführt hat. Direkt neben dem Museum war eine Essen- und Getränke Ausgabe und als ich um die Ecke bog, befand ich mich auf einmal – äußerst unvorbereitet – direkt zwischen den Läufer_innen, die über den Fußweg abkürzten…
Das Museum kann ich sehr empfehlen, auch wenn die gegenwärtige Levi-Strauss Ausstellung dort zum Thema “The Other” bis jetzt nur mit ungarischen Erklärungen ausgestattet ist, was sich aber in nächster Zeit ändern soll!
In Uzhhorod angekommen habe ich mich (auch etwas unvorbereitet) wirklich richtig gefreut mit meinem Fahrrad wieder durch diese sonnige kleine Stadt fahren zu können. Abends rief mein Chef mich auch gleich an, um am nächsten Tag einen ganz eiligen Projektantrag mit mir abschließen zu können. Das ging dann aber doch erst einen Tag später, weil ein langer, langer Tag an Übersetzungsarbeit dafür notwendig war.
Dafür hatte ich heute frei und konnte das tolle Herbstwetter hier nutzen, um für den kleinen Hofhund den es seit meiner Wiederkehr bei uns vor dem Haus gibt, ein Halsband und eine Leine zu kaufen und mit ihm einen Ausflug auf einen benachbarten „Hügel“ zu machen. Die Hoffnung, von dort aus auch weiter in die Berge zu kommen hat sich leider nicht erfüllt, dafür hab ich einen Friedhof gefunden, den ich bei Gelegenheit noch mal intensiver betrachten werde. Der kleine Hund, der seit seiner Ankunft hier Mitte September an der Kette im Hof war, ist noch nicht so richtig fit, was verständlich ist, wenn man bedenkt dass sein Bewegungsradius der letzter Zeit ca. 2 Meter betrug. Aber er hat sich gut benommen, sowohl an der Leine, als auch ohne, da er bis heute noch keinen Namen hatte, war das mit dem hören noch schwierig aber wird bestimmt bald.
Anmerkung vom 17.02.09.
Den Hund gibt es schon seit langer Zeit nicht mehr. Wo er hin ist und ob es ihn überhaupt noch irgendwo gibt weiß ich nicht. Seine Besitzer_innen waren unzufrieden, weil er nicht bellte und somit seine Wachfunktion nicht erfüllte. Nachdem er vom Grundstück verwiesen wurde traf ich ihn noch ab und zu auf der Straße. Das aber auch schon lange nicht mehr. Emotionale Bindung an Hunde endet hier meistens verhängnisvoll. So schwer es mir auch fällt gebe ich mir Mühe nicht auf das ständige Quitschen zu reagieren. Hier im Haus sind wir inzwischen bei Hund fünf. Der erste oben beschriebene, Nika: verschwunden. Der zweite, Izabella II (benannt nach einem sehr hässlichsten, aber auch sehr liebenswerten Hund in Szernye: Izabella I) wurde nach einigen Wochen von den Besitzer_innen von denen er zuvor geklaut worden war zurück verlangt. Der dritte kam ungefähr gleichzeitig mit Maci/Frieda, die ich aus Szernye mitbrachte und die jetzt bei einer Freundin in Leipzig wohnt. Ich denke er wird über Weihnachten draußen erfroren sein. War von Anfang an sehr ängstlich und schwach und auch noch viel zu klein, um bei so viel Kälte alleine draußen zu sein. Dafür haben wir jetzt Izabella III: ein weiterer Pekinesenmischling (wie auch Izabella I + II) sehr flauschig, niedlich und verspielt und ich gebe mir viel Mühe mich nicht mit ihm zu beschäftigen – und er freut sich trotzdem (oder vielleicht auch grade deswegen) jedes mal riesig wenn er mich sieht und ich kann kaum einen Schritt durch die Wohnung machen ohne ihn um die Füße laufen zu haben….









