…ich weiß dass mein letzter Eintrag Ewigkeiten her ist, aber die Magisterarbeit hat zum Ende hin meine Schreibkompetzen ganz für sich alleine beansprucht. Danach dann erstmal wieder Kopf frei bekommen und den nächsten, jetzt folgenden Abschnitt angehen.
Und bevor ich anfange alles Erlebte von hinten aufzurollen – was wahrscheinlich noch weitere Ewigkeiten dauern würde lieber ein paar spontane Eindrücke. Leipzig tat gut und es war schön zu erfahren, dass ich so großartige Freunde habe. Und auch hier freuen sich die Leute offensichtlich schon, wenn ich wieder komme. In Uzhgorod war ich aber zunächst nur für 2 1/2 Tage, dann musste ich schon wieder weiter nach Rumänien um dort an einem fünftägigen Seminar für Freiwillige die in Romaprojeken arbeiten und Roma die in Gadje (= das ist das Romani Wort für die Mehrheitsbevölkerung) Projekten arbeiten, teilzunehmen. Dabei ist für letztere die Tatsache dass sie Roma sind relativ nebensächlich im Bezug auf ihren Freiwilligendienst und es schien als wussten sie nicht wirklich warum sie eigentlich an diesem Seminar teilnehmen sollten. Sie wollten einfach einen Freiwilligendienst wie alle anderen eben auch machen was sie praktisch ja auch tun. Während des Seminars das als ein Roma-Gadje Dialog gedacht war fand ich es etwas problematisch, dass anfänglich viel Verallgemeinert wurde und wusste nicht genau wie sich die “Roma-Teilnehmer_innen” fühlten ganz ungefragt zu einer Minderheit gezählt zu werden über die die ganze Zeit in der dritten Person geredet wird. Aber im Laufe des Seminars hat sich das gebessert, alle haben mehr oder weniger aktiv teilgenommen, nicht mehr nur aufgenommen sondern auch hinterfragt. Der Austausch unter den Freiwilligen über ihre Erfahrungen in der “Fremde”, mit neuen Menschen, Routinen, Problemen und Sprachen stand realistisch betrachtet im Vordergrund, Roma eher als vager Begriff, zu dem noch kein direkter Zugang gefunden wurde, zwar allgegenwärtig, der Grund der uns zusammenbrachte, aber dennoch eher im Hintergrund. Zur lokalen Kultur (egal welcher) haben wir fast gar nichts erfahren, was ich sehr schade fand und so wohl ein anderes Mal etwas intensiver nach Rumänien fahren muss um mich selber ein bisschen um zu sehen.
Grenzübergänge gab es auch wieder viele, wobei diesmal die rumänische Grenze am spannendsten war: Auf dem Hinweg musste M. (mit ukrainischem Ausweis) mit ukrainischer Schokolade für den reibungslosen Übergang bezahlen und auf dem Rückweg wurde das ganze Auto ausgeräumt. Während M. probierte zu vermitteln, dass wir Mädchen (ich und noch zwei weitere Freiwillige aus einem ukrainischen Nachbardorf) aus dem Westen seien und bestimmt nicht, was auch immer, von Rumänien nach Ungarn schmuggeln würden.
“Schmuggler sehen anders aus! Das wissen Sie doch auch!”
Wussten sie wahrscheinlich auch. Aber da es dort ziemlich leer und kalt war brauchten sie Beschäftigung.
Lustiger war eigentlich auch, dass wir in Ungarn bei Mc Donalds halten mussten, wo M. einen Großeinkauf für seine Familie machte, die schon während der Fahrt ein paarmal anrief und sich offensichtlich sehr auf kaltes Mc Donalds Essen freute…
Hier hat dann Mittwoch auch gleich wieder die Arbeit (im Bezug auf mein Aufgabengebiet hier immer noch ein sehr schwammiger Begriff) angefangen. Ich habe mich mit A.A. getroffen und mit Evgenija und mit M. Alles aus unterschiedlichen Gründen. A.A, wollte, dass ich ihm Karaoke Lieder aus dem Internet runterlade, weil sie mehr Abwechslung im Restaurant brauchten. Geklappt hat das aber nicht so richtig und ich bin mir immer noch ziemlich sicher, dass man hier viel einfacher gebrannte DVDs mit so etwas kaufen kann, als mir die ziemlich blöde Aufgabe zu geben “ukrainische Karaoke Lieder” zu suchen. Ich habe mich zwar bemüht, aber keine Originale und auch nicht die richtigen Lieder gefunden und hoffe sehr, dass sich mein Arbeitsbereich zukünftig nicht weiter in einem vagen “such mal irgendwas im Internet” ausbreiten wird.
Danach habe ich mich mit Evgenija, Historikerin die auch für Romani Yag arbeitet, getroffen um über unser Buchprojekt zu reden: “The History and Culture of the Roma in Transcarpathia”. Das Geld für das Projekt war wohl schon mal da, das Buch hätte aber bis zum 10.12. fertig sein sollen, was es bestimmt nicht wird. Bis jetzt gibt es 28 Seiten auf Ukrainisch und ich wurde beauftragt das zu übersetzen, womit ich auch heute begonnen habe (und wofür ich bestimmt noch länger als nur die nächsten zwei Tage brauchen werde). Bei diesem ersten Teil handelt es sich hauptsächlich um eine geschichtliche Einführung. Ich soll danach weiter über die aktuelle Situation im Bezug auf Religion/Wirtschaft schreiben, was mich freut, weil ich dann ein paar mehr Gründe habe mich außerhalb der gewohnten Umgebung zwischen Szernye und Uzhgorod zu bewegen. Vertreter aller hier ansässigen Kirchen sind bereits kontaktiert und vielleicht kann ich nächste Woche beginnen ein paar von ihnen zu treffen und Interviews mit ihnen zu machen. Wie genau das Buch strukturiert (und finanziert) werden wird weiss ich allerdings nicht und wir müssen bestimmt auch erstmal ein vernünftiges Konzept vorlegen bevor wir uns darum kümmern können.

Eben gerade war ich mit Miro auf der Eröffnung einer Pfingstkirche, nur zwei Straßen von meinem Haus entfernt. Da waren Pastoren aus der ganzen Ukraine anwesend und es war ziemlich voll. Es wurde sehr viel gesungen und erzählt und es gab ein ewiges Kommen und Gehen und Aufstehen und Hinsetzen, was aber niemanden zu stören schien. Wichtige Gäste wurden nach vorne geschoben, andere verzogen sich dafür nach hinten. Gesprochen wurde auf Russisch, Ukrainisch, Ungarisch und Romani, even a little English. Spannend fand ich, dass am Anfang mehrmals wiederholt wurde, dass es egal sei in welche Kirche man ginge, da doch alle Menschen Gottes Kinder seien – theoretisch ja eine sehr realistische Erkenntnis: Katholisch, Reformiert oder eben neu-christlich mache keinen Unterschied da doch alle zum gleichen Gott beteten. So etwas würde man bei den Katholiken oder Reformierten trotzdem nicht hören. Macht aber viel mehr Sinn, wenn man eine kleine Kirche direkt in der Zigeunersiedlung hat, alle anderen Kirchen ein ganzes Stück entfernt sind und damit allen Anwesenden die Möglichkeit gegeben wird am nahe liegendsten Gottesdienst teilzunehmen (der zugegeben auch viel erfrischender und inkluierender ist, als die die ich jemals bei der Reformierten Kirche erlebt habe).

