uzhhorod sucht den superstar

Als Erwin und Michaela, zwei Freund_innen aus Leipzig mich letztes Jahr hier besuchten, trafen wir nach einem Spaziergang durch die Stadt auf eine Menschenmenge, die sich auf dem zentralen Platz in der Innenstadt von Uzhhorod versammelt hatte. Ich erkannte sofort einige Gesichter aus der Familie meines Chefs. Seine Nichte, die auch abends bei ihm im Restaurant singt stand in der Mitte und sang. Als sie mich sahen, wurde ich gefragt ob ich nicht auch etwas Geld für ihr Singen dazu geben würde. Ich gab einer ihrer Freundinnen Geld und sie lief nach vorne und gab es einem Mann, der es zu dem bereits gesammelten Geld in ein Behältnis tat. Nachdem alle gesungen hatten wurde das Geld gezählt und jede_r Teilnehmer_in bekam den eigenen Teil überreicht. Zum Sieger wurde die Person gekürt, die das meiste Geld gesammelt hatte. Ich war bestürzt über die Einfachheit dieses Konzepts, das ja im Endeffekt jedem die Möglichkeit gab sich den ersten Platz zu kaufen. Wenn man das Geld danach zurück bekommt, müsste man es nicht einmal selber besitzen sondern könnte es sich auch leihen…

Für mich stand fest, dass die Menschen hier das Prinzip eines Wettbewerbs, einer demokratischen Abstimmung und dem vernünftigen Kapitalismus noch nicht verstanden hatten.

Inzwischen denke ich, dass es viel eher eine ehrliche Übersetzung der westlichen Heuchelei ist. Wenn die Wege die Geld zurück legt bei uns schwer ersichtlich sind und hinter vorgehaltener Hand ablaufen und wir uns vormachen, dass das Leben in einer Demokratie etwas mit Gerechtigkeit und freier Meinungsäußerung und -bildung zu tun hat, ist der Weg und das mit ihm Verbundene Ergebnis hier wenigstens offen und direkt. Hier weiß und sagt dir jeder, dass mit Geld alles möglich ist. Wir versuchen immer noch uns vorzumachen, dass es Gerechtigkeit gibt und unsere “funktionierende” Demokratie schon dafür sorge, dass alle die gleichen Chancen hätten.

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