…regelmäßiger zu schreiben.
Jetzt bin ich im neuen Jahr schon ziemlich genau 5 Tage zurück in der Ukraine oder in Transkarpatien und es gibt schon wieder einige lustige Begebenheiten zu berichten.
Da wäre zum einen der seit meiner Ankunft anhaltende Versuch ein Fax abzuschicken. Erstmal musste ich meinen Chef antreffen, der den Zettel unterschreiben sollte (Formalitäten um meine Stelle hier zu legitimieren), bevor ich ihn nach Deutschland schicken konnte. Das hat drei Tage gedauert. Meine Möglichkeiten mich draußen zu bewegen sind hier an die Tageszeiten gebunden an denen es hell ist, mein Chef ist zu dieser Zeit meistens selbst unterwegs, was ein Treffen nicht immer einfach macht. Die Straße zu dem Haus, in dem ich wohne, ist ziemlich schlecht, so dass er selten in Erwägung zieht bei mir vorbei zu fahren. Als ich ihn traf und er mir den Zettel unterschrieb, blieb leider keine Zeit mehr um den Zettel zu faxen, da seine Masseuse gerade kam.
Also ein weiterer Versuch am nächsten Tag, gestern. Als ich zum verabredeten Zeitpunkt ankam war schon wieder eine Liege bei ihm im Zimmer aufgebaut weil die Masseuse gerade da war. Also bekam ich den Schlüssel und wurde alleine hoch ins Büro geschickt um das Fax ab zu schicken, die Frage warum diese Möglichkeit gestern noch nicht in Betracht gezogen wurde, stellt sich eigentlich nicht. Das Fax abzuschicken, hat trotzdem nicht geklappt. Ich muss dazu sagen, dass ich mich noch nie sonderlich gut mit Faxgerät verstanden habe und eigentlich Dinge lieber einscanne und per mail versende – die Wahrscheinlichkeit dass das klappt ist größer, aber ich habe hier keinen Scanner und wahrscheinlich liegt diese Skepsis gegenüber Faxgeräten und ihr damit verbundenes Versagen meine Wünsche zu erfüllen einfach nur an mir. Dieses Faxgerät sprach zu mir auf Russisch. Was mich dazu veranlasste anzunehmen, dass ich keine falsche Nummer gewählt hatte, dann würde die Stimme auf der anderen Seite wahrscheinlich Deutsch sprechen. Also lag das Problem daran ein Fax ins Ausland zu schicken. Die Frau auf der anderen Seite, die von mir wissen wollte wer ich bin und was ich wolle, zwischendurch verstand ich von ihr sowas wie “operator”, war nicht alleine. Das Wort “operator” ließ mich spekulieren, dass man mit einem Festnetztelefon vielleicht etwas sagen muss, bevor man ins Ausland weiter geleitet wird? Wäre das nicht der Fall, würde ich mir ziemlich blöd vorkommen ihr zu erzählen dass ich ein Fax nach Deutschland schicken möchte… So blieb ich stumm und von mal zu mal, dass ich den Versuch erneut startete schienen sich mehr Menschen ums Telefon zu versammeln und ich fragte mich was so interessant an einem stummen Anrufer sei, schließlich konnten sie ja nicht wissen, dass ich eine Ausländerin bin die unfähig ist ein Fax zu versenden…
Meine nächste Idee war es zur Post zu gehen und dort das Fax für mich abschicken zu lassen (auch hier stellte sich mir die Frage warum ich da nicht schon früher drauf gekommen war). Die Post befindet sich in einem alten Gutshaus (Radvanka, der Stadtteil in dem ich wohne ist nach einem Gutsherrn benannt der auf diesem Gebiet seine Ländereien hatte und damals einige Roma/Zigeuner_innen einlud sich hier anzusiedeln. Aus seiner Zeit sind noch einige Gebäude erhalten, das eine ist die heutige Schule, das andere eben jene Post). Die Post hatte natürlich kein Faxgerät, weswegen ich mein Formular dann einfach per Post abschickte. Und auch wenn sie kein Faxgerät hatte, so gab es doch viele andere bewundernswerte Ding und ich war mal wieder überrascht, dass die Funktionen der Post hier so divergent zu der unsrigen sind. Nicht nur dass die Menschen zur Post gehen um sich Kindergeld und Rente und ähnliches auszahlen zu lassen, auch “Sozialhilfe” die ab und zu in Gütern wie Öl, Mehl und Zucker an arme Familien ausgeteilt wird muss bei der Post abgeholt werden. Es ist also immer ein reges Treiben dort. Alles funktioniert natürlich ohne Computer o.ä. sondern mit langen handschriftlichen Listen auf Papier. Um meinen Brief zu wiegen musste auch erst ein anderes Gerät aus der Steckdose gezogen werden um die elektronische Wage anzuschließen. Dafür nehmen sie sich die Zeit, auch zu prüfen ob die Ausländerin alles richtig ausgefüllt hat, damit die nächste Station das auch Lesen kann und haben mir einen besonders schönen Briefumschlag rausgesucht, auf dem ein Bild von Uzhgorod zu sehen ist (Nachtrag: der Brief brauchte fast zwei Wochen zu seine_r Empfänger_in).
Mein anderer Kontakt mit der immer wieder überraschenden Außenwelt fand im Fotoladen statt, wo ich endlich die Fotos von der Hochzeit entwickeln lassen wollte, auf die die Leute in Szernye schon so lange warteten. Als ich den Laden betrat grüßte mich die Frau die dort über ihren Büchern saß zurück, sah jedoch nicht auf und füllte fleißig weiter Reihen mit Zahlen und Buchstaben. Ich sah mich in der Zeit etwas um und wartete und wartete und wartete, bis sie mich irgendwann fragte was ich denn wolle und mich in das nächste Zimmer, die Dunkelkammer/das Studio verwies, wo ich aufgefordert wurde mich zu setzen und zu warten, bis sie fertig mit dem Belichten von irgendwelchen Bildern waren. Danach wurde das Licht wieder angemacht und ich aufgefordert an den Computer zu kommen. Dort wurden meine CDs mit ca. 200 Bildern eingelesen, um zu überprüfen ob der Computer die Bilder auch öffnen kann. Nachdem das geklärt war, wurde ich wieder nach vorne geschickt wo inzwischen eine weitere Frau saß, die ausrechnete was ich zu bezahlen habe, meinen Nachnamen aufschrieb, mich bezahlen lies und mir mitteilte dass ich die Bilder am Montag abholen könne. D.h. die haben jetzt meine Bilder, mein Geld und meinen Namen und ich nichts. Wird ganz sicher trotzdem klappen.
Und wo wir bei der Hochzeit sind: Ich hatte im Oktober die Möglichkeit mit auf eine Hochzeit im Nachbardorf zu gehen. Dort heiratete ein Junge aus Szernye ein Mädchen von dort. Ich hatte vorher schon oft Videos von Hochzeiten gesehen unzählige Geschichten gehört und war sehr gespannt. Meiner Beobachtung nach stärken solche Feste und Feiern den Zusammenhalt der Gemeinschaft ungemein. Über eine außergewöhnliche Feier wird noch lange gesprochen und während der Feier der Überfluss zelebriert. Dabei steht der agonale Aspekt im Vordergrund. Wer war am besten gekleidet? Wie sah das Brautpaar im Vergleich zu anderen Brautpaaren aus? Hatten Besucher_innen schönere Kleidung als das Brautpaar? Wie war das Essen, wurde es zur richtigen Zeit serviert und noch vieles weitere wird nach der Hochzeit ausführlich von Teilnehmer_innen wie Nicht-Teilnehmer_innen diskutiert und verglichen. Dabei wird besonders die Übergabe der Geschenke dokumentiert, die zu verschiedenen, fest geregelten Zeitpunkten stattfindet. Viele der Gäste machen Geldgeschenke, die bei Bedarf im Laufe des Abends in Alkohol umgesetzt werden können. Da die Eltern beider Ehepartner_innen zusammenlegen, um die Hochzeitsfeier auszustatten, wird das restliche geschenkte Geld nach der Feier unter den Eltern aufgeteilt. Die Dinge, die Bestand haben sollen und für das Brautpaar direkt gedacht sind, werden als materielle Güter verschenkt. Diese materiellen Geschenke werden bei der Ankunft der Gäste bei dem Brautpaar abgegeben, die Übergabe der Geldgeschenke erfolgt später in zwei Runden. Die erste findet einige Stunden nach Beginn der Hochzeitsfeier statt, nachdem alle gegessen haben und die Mehrzahl der Besucher noch an den Tischen sitzt.
Mit einem Mikrofon wird zuerst vorgelesen, wer welche Geschenke gemacht hat, und anschließend eine Runde um die Tische gemacht, in der jede Familie Geld überreicht. Der genaue Betrag und die Person, die das Geld übergibt, werden allen mitgeteilt und von den weiteren Besuchern mit Applaus kommentiert. Die zweite Runde findet einige Zeit später statt und erfordert von dem Bräutigam, seine Braut freizukaufen. Zuerst können Besucher einen Tanz mit der Braut kaufen und wenn so einiges Geld zusammengekommen ist, muss der Bräutigam ebenfalls Geld bezahlen, mit der Braut tanzen, um sich dann mit ihr von der Feier entfernen zu können.
Die Videos, die auf großen Feiern gemacht werden, geben zum einen denjenigen, die nicht selbst anwesend sein konnten, die Möglichkeit, einen nachträglichen Eindruck zu erhalten und so auch an den Unterhaltungen und Bewertungen von Ausstattung, Essen, Kleidung und Makeup etc. teilzunehmen. Mir haben sie außerdem die Möglichkeit gegeben, die Prioritäten, die auf solchen Veranstaltungen gesetzt werden, bewusster wahrzunehmen, als als Teilnehmer_in, die sich selbst im Handlungsgeschehen befindet und in der Interaktion involviert ist. Auf den Videos wird schnell erkenntlich, dass der Musik und den mit ihr verbundenen Aktivitäten der höchste Stellenwert eingeräumt wird. Die tanzenden Besucher_innen und die engagierte Band sind im Bild – Gespräche oder einzelne Menschen werden fast gar nicht gezeigt. Nicht einmal dem Brautpaar oder der Person, deren Geburtstag gefeiert wird, wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den anderen Gästen. Diese Videos gehen oft über viele Stunden und wandern nach der Hochzeit immer wieder von einem Haus zum nächsten um dort begutachtet, analysiert und bewertet zu werden.
Die Ausstattungen der Feiern unterscheiden sich, je nach finanzieller Lage. Wer viel Geld hat organisiert eine oder sogar zwei professionelle Bands – auf anderen Feiern gibt es nur DJs oder Familienmitglieder musizieren während der Feierlichkeiten selbst. Bei einer Taufe, auf der ich im Jahr 2001 war und die in kleinerem Rahmen in einem Privathaus stattfand, gab es z.B. kein organisiertes Musikprogramm.
Nach der Kirche wurden alle geladenen Gäste ins Haus zum Essen gebeten und ich bin mir nicht sicher ob zu diesem Zeitpunkt überhaupt Musik lief. Es ergab sich aber von alleine, dass, nachdem eine Weile gegessen und getrunken wurde, erst einer begann eine Orgel herbei zu holen, die sich im Haus befand um auf ihr zu spielen und andere nach und nach ihre Instrumente ebenfalls herbei holten oder zu tanzen begannen. Sind Musiker_innen in der Familie oder der Siedlung, die an der entsprechenden Feier teilnehmen wird es als selbstverständlich betrachtet, dass diese auch zur musikalischen Unterhaltung beitragen.






















