Heute morgen lief eine kurze Reportage über die Ukraine im deutschen Radio, dass ich hier dank Internet problemlos hören kann. Dennoch fragte ich mich ob es richtig ist Nachrichten über die oder aus der Ukraine über die deutschen Medien wahr zu nehmen. Vielleicht sollte ich mich doch bemühen den Fernseher der seit einiger Zeit funktionslos in meinem Zimmer steht zum laufen zu bekommen. (Er wurde mir netterweise vor ein paar Wochen freudestrahlend ins Zimmer gebracht und abgestellt, ein paar Tage später kam jemand vorbei um die Antenne anzuschließen, was nicht funktionierte. So wurde er wieder raus getragen, stand eine Weile in der Küche und wurde dann wieder in mein Zimmer gebracht. Während das Bild beim letzten mal einfach nach sehr schlechtem Empfang aus sah, geht er jetzt gar nicht mehr an, was aber auch demnächst repariert werden soll. Abwarten.)
Aber zurück zur Reportage. Der Ausgangspunkt war, dass die Ukraine besonders stark von der Wirtschaftskrise betroffen sei. Es wurden drei unterschiedliche Punkte angesprochen: Erstens dass die Ukraine während des Gasstreits kein Gas hatte, zweitens dass hier auch die einfachen Leute wissen was passiert und drittens dass unsere Julia einen Kredit von Russland aufnehmen will um die Sozialzuschüsse nicht noch weiter kürzen zu müssen. Es wurde vermutet, dass sie das wohl macht um den Weg zu ebnen bei den nächsten Wahlen als Präsident_in gewählt zu werden. Im Bezug auf Russland wurde erörtert was für Konsequenzen das für beide Seiten haben könnte ohne dabei zu irgendwelchen Ergebnissen zu kommen.
Um so interessanter waren die anderen beiden Punkte. Mir wurde gesagt, dass es zumindest in Transkarpatien während des gesamten Gasstreits keine Probleme gab die Wohnungen zu heizen. Stattdessen wurde ich bei meiner Ankunft hier, nachdem ich über Weihnachten in Deutschland war, ständig gefragt ob wir denn Heizen konnten oder frieren mussten. Die Ukraine verfüge über genug eigenes Gas und habe auch noch andere Quellen als Russland, sie seien nicht unbedingt auf russisches Gas angewiesen. Warum wird uns etwas anderes erzählt?
Und was bedeutet die Aussage, dass hier selbst die einfachen Leute wüssten was passiert? Wer ist damit gemeint? Menschen die trotz hoher Schuldbildung am Existenzminimum leben, weil formale Arbeit schlecht bezahl wird und dann auch noch über 40% Steuern abgezogen werden? Aber auch ohne akademische Ausbildung weiß man spätestens seit der Auflösung der UdSSR und auf Grund von Inflation und Engpässen sehr gut, dass man Geld, wenn man welches über hat möglichst gleich in materiellen Gütern anlegen sollte und nicht in die Hände von irgendwelchen Bänkern geben sollte. Auch dass Politiker nichts aus Sorge um das Gemeinwohl machen ist jedem klar. Da wird die Stimme freudig der Person gegeben die einem am meisten dafür zahlt (und wird bei uns nicht auch von vielen Menschen die Partei gewählt, die ihnen die meisten Steuern erlässt?).
Wie dem auch sei. Die Frau die sie befragten war Krankenschwester und ihr Mann Polizist. Seit Monaten wird ihm nur noch ein Teil des Lohns ausgezahlt und um sich und ihr Kind zu ernähren sind sie auf die Unterstützung ihrer Mutter angewiesen die aus der Datscha Obst und Gemüse beisteuert. Solche Geschichten gibt es viele. Ich weiß nicht genau wie der aktuelle Stand ist, aber vor 3 Jahren haben Angestellte an Universitäten ein Gehalt von ca. € 120,- Kindergärtner_innen ca. € 80,- bekommen und die Lebensmittelpreise hier unterscheiden sich nicht erheblich von den unseren. In den Städten muss Miete gezahlt werden und der Gaspreis steigt auch immer weiter. Da ist es kein Wunder dass die Menschen einige Dinge klarer sehen. Arbeitet man selbstständig ist man darauf angewiesen die richtigen Leute zu kennen und durch Zusammenarbeit ist es möglich erheblich viel mehr Geld zu verdienen. Die Verbindung die die Menschen hier zu Institutionen haben ist einfach eine andere. Um in eine hohe Stellung zu gelangen muss man Geld bezahlen, damit man dann, dafür auch mehr Geld bekommt. Und wenn man dafür erst einmal vom Nachbarn, egal wie geliebt oder verhasst er sein mag, einen Kredit aufnehmen muss dann ist das langfristig dennoch eine gute Investition. Der Polizist, der keinen vollen Lohn erhält, regelt die Dinge dann auch gerne unbürokratisch, wenn das seine persönliche Situation etwas erleichtert. Menschen die schwarz auf Baustellen arbeiten werden nach vollendeter Arbeit von den neureichen Arbeitgebern unbezahlt mit der Pistole vom Grundstück verjagt. Sie können nicht zur Polizei gehen und sind ohne finanzielle Mittel einfach nur machtlos und verzweifelt.
Gleichzeitig sitze ich hier vor Anträgen verschiedener Stiftung, die mit € 2.000 – 20.000 Projekte fördern wollen die den Demokratisierungsprozess vorantreiben und Korruption bekämpfen. Wo soll man da denn anfangen? Die Menschen die in den NGOs arbeiten sind genau so auf das “korrupte” System angewiesen, wie alle andere Menschen auch. Mit € 2.000 kann man vielleicht ein dreimonatiges Projekt mit 2 Personen finanzieren, aber auch das nur wenn man sehr knapp kalkuliert und keine Miete zahlen muss. Aber an was für eine Art von Projekt denken die Stiftungen? Und waren die Leute die solche Ausschreibungen in Auftrag geben schon mal hier? Wer hat denn die Möglichkeit ein einigermaßen vernünftiges Projekt umzusetzen, wenn von dem Projektgeld keine Löhne gezahlt werden dürfen aber trotzdem die Familie ernährt werden muss?
Na ja. Wir werden die Bewerbungen abschicken und abwarten was passiert. So wie die anderen einfachen Leute auch. In stoischer Ruhe probieren das Leben Tag für Tag anzugehen und sich nicht zu viele Gedanken um ein ungewisses Morgen machen. Glaubt man den Nachrichten und Aussagen der Menschen hier steht die absolute Katastrophe kurz bevor. Die wievielte? Da zählt keiner mehr mit. Die letzte wird es bestimmt nicht sein.








