Nachdem ich acht Monate in Uzhgorod, der Hauptstdt Transkarpatiens im Westen der Ukraine wohnte und dort in verschiedenen Roma NGOs aushalf, bekam ich Besuch aus Deutschland. Wir beschlossen spontan nach Odessa zu fahren um einen Vorgeschmack auf den nahenden Sommer zu bekommen. Aladar, einer der NGO Leiter aus Uzhgorod bot sofort an seine Freunde dort zu kontaktieren und so wurden wir am nächsten Morgen von Nikolaj, dem Leiter der größten Roma NGO in Odessa am Bahnhof abgeholt. Er begrüßte uns im dezenten Anzug, war freundlich und zurückhaltend und wenn er lächelte blitzte eine Reihe Goldzähne auf. Gerne wollte er uns mit zu sich nach Hause nehmen, aber er wohne selbst bei Freunden, weil er sich gerade von seiner Frau getrennt habe. So suchten wir gemeinsam ein Hotel und verabredeten uns für den nächsten Tag.
Am Abend des selben Tages trafen wir uns mit Zsuzsa, die ebenfalls eine Roma NGO in Odessa leitete, in einem Cafe in der Nähe unseres Hotels. Sie war eine große, beeindruckend selbstsichere und selbstbestimmte Frau, deren großes Herz aus ihr herauszustrahlen schien. Sie berichtete uns von der desolaten Situation vieler Roma in der Region, der großen Zahl an Menschen die an Hepatitis erkrankt sind, die Probleme die es immer noch mit der Schulbildung gibt und der Frage der ethnischen Zugehörigkeit überhaupt. Wer entscheidet wer ein Roma ist? Viele Menschen haben ein Roma Elternteil und es gab schon immer so viel Vermischung. Die meisten Krim Roma geben in offiziellen Statistiken an, dass sie Tataren seien und die Roma die aus Moldawien kommen, dass sie Moldawier seien. Nach offiziellen Angaben leben in der Region um Odessa 3870 Roma, die NGOs schätzen die Zahl auf 10.000 in der Region und 5.000 in der Stadt. Nachdem wir geklärt hatten, dass ich ein Buch über Roma in der Ukraine schreiben wollte, beschloss sie ein Programm für uns zu organisieren und sich am nächsten Tag wieder zu melden.
Unser erster Stopp am nächsten Tag führte uns in eine Wohnsiedlung außerhalb Odessas Innenstadt. Der Wohnblock vor dem wir ausstiegen, sah so aus wie alle anderen Vorstadtwohnblöcke, aber Nikolaj wusste zu berichten, dass er, wenn auch nicht ausschließlich, so doch zumindest mehrheitlich von moldawischen Roma bewohnt würde. Da es früher Nachmittag war, konnte er im Haus niemanden antreffen, der bereit gewesen wäre uns in die Wohnung zu lassen – die meisten Männer seien unterwegs bei der Arbeit und die Frauen wollten alleine niemanden ins Haus lassen. So gingen wir in ein Straßencafé in direkter Umgebung, wo einige Bewohner_innen beim Tee saßen. Der älteste von ihnen war früher Fußballtrainer und leitete damals eine überregional bekannte Fußballmannschaft. Heute verbringt er seine Tage meist mit den anderen Männern im Café. Sie sagten, dass bei ihnen eigentlich alles normal sei: „So wie bei den anderen Bewohnern auch.“ Die Kinder gingen zur Schule und die Frauen arbeiten auch. „Bei uns ist alles zivilisiert.“ Aber Probleme gibt es trotzdem. Die Kinder gehen zwar in die Schule, aber eine weiterführende Ausbildung kann sich fast niemand leisten. „In der Schule muss alles bezahlt werden. Wer kann das heute schon? Vor dreißig Jahren war die Situation für uns am besten. Da hatten fast alle Arbeit und konnten gut Leben.“
Als wir uns einige Stunden später mit Zsuzsas Bruder trafen, heute stolzer Besitzer eines kleinen Handy- und Fotoreparaturladens in der Innenstadt von Odessa, kommen wir ebenfalls auf die Zeit von vor ca. 30 Jahren zu sprechen – das war seine Schulzeit. Er erzählte wie ein Klassenkamerade mit einer neuen Spieluhr in die Schule kam, die von allen sehr bewundert wurde. Als sie am Ende des Schultages nicht mehr aufzufinden war, war für die meisten klar: “Das war der Zigeuner!” Als die Spieluhr einige Wochen später bei einem ukrainischen Klassenkameraden auftauchte, hat sich niemand bei ihm entschuldigt. „So ist das eben wenn man Zigeuner ist. Das Bild vom Dieb schwebt immer über einem. Ganz egal was man macht.“ Trotzdem sei die Chancengleichheit früher größer gewesen. Damals gab es Professoren unter den Roma, Ärzte und auch Roma die hohe Positionen im Gerichtssystem innehatten. Diese Möglichkeiten scheinen für viele von ihnen heute unerreichbar.
Auch im Vorort bleibt das Gespräch noch weiter beim Thema Schule. Nikolaj berichtet, dass gerade ein Fond über 5 Mil. Dollar bewilligt wurde, der Kindern aus Romafamilien einen weiterführenden Schulbesuch ermöglichen soll. Die Zusammensitzenden finden das gut und überlegen wen sie dafür vorschlagen könnten, fragen ob das für alle Schulen gelte oder örtlich begrenzt sei. Einer dreht sich zu mir um und sagt: „Weißt du, das Geld wird in Kiew ausgezahlt. Dort findet der Papierkram statt. Bis das bei uns ankommt, ist davon meist nicht mehr viel übrig.“ Als der Fußballtrainer etwas später aufsteht kommt er zu mir und sagt: ‘Eine Frage habe ich auch noch an dich. Meinst du die EM wird wirklich in der Ukraine stattfinden? Die infrastrukturellen Probleme hier sind zwar noch groß, aber vielleicht wäre es eine Chance für die Ukraine.’ Im Weggehen bemerkt seine Frau, die während der Gesprächsrunde etwas abseits das Gespräch belauschte: ‘Warum seid ihr hier? Wir sind keine Zigeuner. Wir sind Moldawier. Oder nicht? Wir sprechen doch auch keine Zigeunersprache.’ Die Männer werden ruhig und zucken mit den Schultern. Einer meint: ‘Was soll ich sagen? Natürlich sind wir Zigeuner. Ich bin Zigeuner.’ Im Auto erzählt Nikolaj, dass der Schmerz immer noch tief sitze und keiner als Zigeuner abgestempelt werden möchte. Die moldawischen Roma leben seit dem 19. Jahrhundert hier in der Region. Sie haben immer fest in Wohnsiedlungen gewohnt und sind nie herumgezogen. Viele von ihnen sind Händler, aber auch Metallarbeiter oder machen andere Jobs.
Danach bringt Nikolaj uns ans andere Ende der Stadt. Auch hier gibt es viele Wohnblöcke. Wir werden an einem kleinen Schotterweg, der von einer großen Straße abgeht, abgesetzt. Vorbei an einigen kleinen Hunden werden wir am Ende des Weges von einem jungen hübschen Mädchen mit Kopftuch und einem Kleid in Leopardenfellmuster empfangen und ins Haus begleitet. Auch wenn der Hof sich gerade im Bau befindet und der Weg zum Haus ein Provisorium aus Pappe und Brettern ist, deutet das pompöse Tor an, dass es sich hier um keine arme Familie handelt. Trotzdem ist der Anblick des Inneren des Hauses überwältigend. Zsuzsa und ihre Freundin, die Gastgeberin, empfangen uns auf einem Sofa sitzend im großen hellen Wohnzimmer. Beide Frauen haben einen überdurchschnittlichen Körperumfang und die Buddhastatue, die neben ihnen in einer Ecke auf dem Boden steht wirkt ein wenig wie ein modelliertes Abbild. Auf meine offene Frage nach ihrem Leben, der Situation der Roma und dem was sie mir gerne erzählen möchte, beginnt die Gastgeberin zu berichten, dass ein besonders wichtiger Aspekt im Leben der Roma die Gastfreundschaft und die gegenseitige Unterstützung sei. „Wir sind äußerst hilfsbereit und friedliebend.“ Die Zigeuner haben noch nie einen Krieg begonnen – das waren immer die anderen. „Das wichtigste im Leben ist, dass die Menschen sich verstehen und miteinander auskommen, dass sie keine Vorurteile haben und dass nicht immer nur verallgemeinert wird. In jeder Nation gibt es solche und solche. Bei den Russen, den Ukrainern und auch bei den Deutschen.“ Darum habe sie uns eingeladen. Um zu zeigen, dass sie anständige, wohlhabende Zigeuner sind, die arbeiten, fleißig sind und schlau, sich anstrengen und sich um die Ausbildung ihrer Kinder kümmern. Als unsere Gastgeberin jünger war, habe sie nicht viel gehabt. Ihre Mutter musste sich alleine um vier Töchter kümmern, nachdem ihr Vater früh verstarb. Sie kümmerte sich darum, dass die Kinder eine gute Schulbildung erhielten und brachte ihnen das traditionelle Handwerk des Wahrsagens bei, einen Beruf den sie auch heute noch ausübe. Und genau wie ihre Mutter bemüht auch sie sich darum, dass ihre Kinder die Möglichkeit haben eine gute Ausbildung zu erhalten. Sie betont dabei wie wichtig die Rolle der Eltern sei. Wenn sie den Kindern nicht vormachten, wie man ein geregeltes Leben führen kann, wie sollen sie es dann wissen? Ihr Mann repariert Autos und handelt mit ihnen. Ihr verheirateter Sohn hilft ihm dabei. „In der Familie muss man sich gegenseitig unterstützen.“
Wir werden an den Küchentisch gerufen, den die Schwiegertochter und Tochter während des vorangegangenen Gespräches vorbereitet und mehr als reichlich gedeckt haben. Käse-, Wurst-, Salatplatten, feine Kartoffeln, Bifteki und eine ganze Ente warten duftend auf uns. Der Vater, der schon am Tisch sitzt, sagt dass seine Frau nicht leicht zufrieden zu stellen sei. Eine halbe Million ist ihr nicht genug. Eine ganze müsste es schon sein. Darum arbeitet er. Und dieses Verhältnis sieht man dem Haushalt auch an. Eine Familie voller starker Frauen, die sich von ihren Männern nichts sagen lassen. Die wissen was sie wollen und ihre Männer dazu anleiten das zu ermöglichen. Die Gastgeberin berichtet von einem Besuch bei Freunden in der Türkei. Auch dort haben sie Geschäfte gemacht. Ihr Mann wollte wissen wie teuer dort ein Pferd sei. Also habe sie sich durchgefragt und dabei auch gleich gelernt Türkisch zu sprechen. „Wir sind eine schlaue Familie! Meine Mutter war schlau und ich auch. Sprachen zu lernen fällt mir nicht schwer. Wir wollten Geschäfte machen, also musste ich die Sprache lernen.“
Nach einer Pause kuckt sie mich an und sagt: “Aber weißt du, wir haben viel. Uns geht es gut. Wir haben, Gott sei Dank, ein Haus, ein Auto und gesunde Kinder. Und hoffentlich bald auch Enkelkinder. Dafür arbeiten wir hart. Aber wenn die Polizei hierher kommt, dann sieht sie sich um und sagt: „Das sind meine Gläser! Die habt ihr mir geklaut!“ Und ich kann nur sagen: „Bitte. Das stimmt nicht, die haben wir uns selbst gekauft, von dem Geld was wir erarbeitet haben. Aber eine Handhabe oder Sicherheit haben wir nicht. Ich sitze dir hier gegenüber. Ich lade dich zum Essen ein und berichte über meine Kultur. Ich lache mit dem Gesicht, aber mein Herz weint. Vielleicht wird sich die Situation der Zigeuner irgendwann ändern. Vielleicht hören die anderen irgendwann auf uns alle über einen Kamm zu scheren. Heute bist du unser Gast. Gerne kannst du immer wieder kommen.”
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Der nächste Tag beginnt mit einem Besuch in einem georgischen Restaurant – eine kleine Burg an der Autobahn am Ausgang der Stadt. „Das Restaurant hat mein Vater gebaut“ begrüßt uns Zsuzsa. „Damals gab es hier keinen Strom, kein Wasser, kein Gas. Das ist alles nach und nach entstanden. Nach seinem Tod habe ich das Restaurant übernommen und führe es in seiner Tradition weiter.“ Kurz vorher hatte der georgische Konsul angerufen. Er wollte das Restaurant für eine Gesellschaft buchen. „Es kommen auch viele bekannte Musiker und Tanzgruppen hierher. Manchmal auch Sportler – mein Vater war ein großer Sportfan.“ Das Restaurant ist edel aber nicht aufdringlich eingerichtet. Im Vorraum hängt eine Karte von Georgien, mit Bildern von der traditionellen Kleidung jeder Region. Wir lernen, dass die Stadt Tiflis von einem Bogenschützen gegründet wurde, der auf der Suche nach einem abgeschossenen Vogel eine warme Quelle fand. Daraufhin gründete er an dieser Stelle die Stadt Tiflis, was sich von dem georgischen Wort für ‚warm’ ableite. Außerdem erfahren wir, dass die Georgier schon weit vor den Russen zum Christentum konvertierten und auch, dass sie schon mehr als drei Jahrhunderte vorher ihre eigene Schriftsprache hatten, die sie auch bis heute beibehalten haben. Auch Stalins georgische Herkunft soll sich positiv auf die Sowjetunion ausgewirkt haben. Brüderliche Unterstützung, Hilfe und Nächstenliebe, alles georgische Traditionen die Stalin in das System mit einbrachte. Das sich seine Herrschaft in der Praxis nicht so freundlich auswirkte, wie sich das anhört ist Zsuzsa aber auch klar. Reduzierter Patriotismus vielleicht. „Wir lieben unser Land und es gibt nichts was uns davon abbringen könnte – außer der Realität, aber wen interessiert die schon?“
In einer Ecke des Restaurants hängt ein großes Gemälde von ihrem Vater, in traditioneller georgischer Tracht gekleidet. Im Hintergrund sieht man ein Portrait von Zsuzsas Mutter – einer schönen Zigeunerin. Vor dem Bild steht eine Statue mit einem goldenen Pferd, auf die ich explizit hingewiesen werde und die ich unbedingt fotografieren soll. „Das Pferd spielt bei den Zigeunern überall eine große Rolle.“ Und genau wie die Dekoration damit auf beide kulturellen Herkünfte verweist, dient auch das Restaurant nebenbei als Büro – sowohl für den georgischen als auch den Roma Kulturverein, die beide von Zsuzsa geleitet werden. „Meine Mutter war Zigeunerin und mein Vater Georgier. Ich bin hier in Odessa aufgewachsen und habe alle diese unterschiedlichen Traditionen und Kulturen in mir.“
Eine Stunde später sitzen wir im Auto und werden nach Afrika gefahren. Zumindest leben die Roma in der Siedlung in die wir auf dem Weg sind nach Zsuzsas Vorstellung wie in Afrika. Sie bekamen erst vor kurzem Wasser und Gasleitungen. Zsuzsa wollte, dass für die Kinder eine vernünftige Schule gebaut würde, mit Lehrern die die Kinder in verschiedenen Klassen unterrichteten und ihnen nicht nur das Nötigste vermitteln. Aber der Baron, der Leiter dieser Roma Gruppe war dagegen. „Die Leute hier sind in ihren Traditionen gefangen, sie sagen dass ihre Familien noch nie zur Schule gegangen sind und auch ihre Kinder damit jetzt nicht anfangen müssten.“ Die traditionelle Verwurzelung zeigte sich auch optisch schnell, als wir in die Siedlung einbogen. Die Frauen liefen in langen Kleidern, mit Kopftüchern und gedrehten Zöpfen herum, die unter dem Kopftuch hervor guckten. Diese Zöpfe sind ihre Besonderheit und zeigen dass sie zur Gruppe der Katljári Zigeuner gehören. Als wir begleitet von einer Schar Kinder und Jugendlicher das Haus des Barons betraten lief im Fernsehen eine Wahrsagesendung, in der eine stark geschminkte dicke Frau mit langen schwarzen Haaren Telefonanrufern die Zukunft vorhersagte. Kann so viel Klischee Wirklichkeit sein? „Wir bleiben nicht lange hier!“ sagt Zsuzsa, die nicht das beste Verhältnis zum Baron zu haben scheint. Er erzählt mir, dass sich ihre Lebenssituation in den letzten Jahren, seit sie Gas und Wasser bekommen haben sehr verbessert hat, aber es wirkt ein wenig so, als fühle er sich verpflichtet dies zu sagen, weil Zsuzsa diejenige war, die das ermöglicht hatte und weil man Außenstehenden so etwas eben erzählt. Als wolle er sagen „Wir finden es ok an eurem technologischen Fortschritt teilhaben zu können, dass wir deswegen ein Teil eurer Gesellschaft werden braucht ihr aber nicht zu glauben!“ Zsuzsa merkt an, dass trotz der besseren Infrastruktur immer noch sehr viele Menschen an Hepatitis erkranken. Sie fragt wie der Strom und das Gas abgerechnet werden. „Wir haben einen Zähler für die ganze Siedlung.“ Zsuzsa sagt, dass man sich unbedingt darum kümmern müsse. „Die können euch so ganz schnell von einem Tag auf den anderen alles abstellen’!“ und tauscht mit einem der Jungen Telefonnummern aus.
Wir fahren weiter zu einer befreundeten Familie, die nur einige hundert Meter von der Siedlung entfernt in einem Einzelhaus wohnt. Der hohe Zaun und das Tor, das Einblicke auf den Hof und das Haus verwehren, unterscheidet sich nicht von dem ihrer ukrainischen Nachbar_innen. Wir setzen uns draußen an den Tisch zu zwei Frauen, vielleicht Mutter und Tochter, die uns freundlich begrüßen und mit Tee und Keksen bewirten. Ein jüngeres Mädchen wird herbei geholt – sie ist der Stolz der Familie. Sie hat eine Ausbildung als Juwelierin abgeschlossen und arbeitet jetzt auch in diesem Beruf. Ihre Mutter zeigt sofort die Ringe und Ohrringe die sie von ihrer Tochter hat. Kein für die Zigeuner typisches Gold, sondern Silber mit blauen Steinen.
Ich frage, wie sie ihre Situation und die Situation der Roma allgemein einschätzen. Die Oma sagt: „Das Problem der Zigeuner ist, dass wir keine gemeinsame Flagge haben“ – da springt Zsuzsa ein und sagt: „Natürlich haben wir eine Flagge!“ „Ist die neu?“ „Nein, die gibt es schon ganz lange!“ Das Gespräch entfernt sich zu den Festivals die Zsuzsa organisiert, der Tatsache dass bald eines in Odessa stattfinden soll und ob sie nicht Lust hätten daran teilzunehmen. „Dort könnt ihr auch eure eigene Flagge sehen.“ Zsuzsa schüttelt den Kopf und sagt dass es ein offenes Geheimnis sei, dass jede Romagruppe von sich behaupte die einzig Wahre zu sein. Gleichzeitig bemängeln sie den fehlenden Zusammenhalt. Wenn Organisationen gegründet werden, wollen viele nichts mit ihnen zu tun haben. Überall herrscht Misstrauen. Bis vor einigen Jahren gab es ein Ukraineweites Projekt, mit Büros in jeder größeren Stadt, die sich für die Rechte der Roma einsetzten. Die Leiter_innen waren alle Roma, sie bekamen Seminare und konnten an Trainings teilnehmen, bekamen Nicht-Roma zur Seite gestellt die ihnen halfen ihre Arbeit auszuführen. Die erste Roma-Zeitung die monatlich in der gesamten Ukraine vertrieben wurde entstand und gab ihnen für einige Jahre eine Stimme. Leider scheiterte es, das Projekt nach einer gewissen Anlaufzeit selber weiter zu finanzieren. „Wer will denn in einer Romazeitung Werbung schalten? Wir konnten die Zeitung ja noch nicht einmal verkaufen, weil viele der Roma sich nicht der Bedeutung bewusst waren, die so eine Zeitung in sich birgt. Die Möglichkeiten des Austausches, der Stärkung der Gruppe und einem Auftritt nach Außen haben viele nicht wahrgenommen. Aber dieses Bewusstsein lässt sich nicht in ein paar Jahren schaffen.“
Am nächsten Tag werden wir früh von Nikolaj abgeholt. Schon seit unserer Ankunft hatte er uns von dem Festival erzählt, dass an diesem Wochenende stattfinden soll. Er hatte uns Poster von Menschen in traditionellen Kostümen gezeigt und die Aussicht auf ein ukrainisches Folklorefestival zu gehen, löste eigentlich keine große Begeisterung bei uns aus. Trotzdem dachten wir, dass wir uns ansehen sollten was ihm so wichtig erscheint. Wie sich nach ca. einer halben Stunde Fahrt herausstellte handelte es sich um eine Veranstaltung zum Tag Europas, zu dem alle offiziellen Vertreter_innen der ukrainischen Minderheiten aus der Region um Odessa eingeladen waren. Nikolaj war der Vertreter der Roma und wir wurden als zwei deutsche Journalist_innen mit auf die Liste der geladenen Gäste aufgenommen. Die verschiedensten Botschafter_innen und Repräsentanten der einzelnen Minderheiten: Bulgaren, Moldowaren, Polen, Huzulen und andere wurden uns vorgestellt und gemeinsam bekamen wir ein beeindruckendes Spektakel vorgeführt. Nach der offiziellen Vorstellung der Teilnehmer_innen wurden wir an einen See gefahren, wo uns Gesangensembles und Tanzgruppen begrüßten. Es wurden traditionelle Brote zur Begrüßung verteilt und ein Theaterstück mit Gesang aufgeführt, welches das ukrainische Marktleben vor 100 Jahren aufzeigte. Danach wurden wir an ein beeindruckendes Buffet mit einem ganzen Schwein und den unterschiedlichsten lokalen Spezialitäten und Schnäpsen geführt. Zur begleitenden Musik trieben junge Mädchen mit wallendem Haar und Bändern darin auf Flößen am nahe gelegenen See und die pompöse Inszenierung, der sicherlich eine wahnsinnig mühsame Zeit der Proben und des Kochens vorausgegangen war, schien absurd dafür dass die meisten Besucher_innen ihre Zeit mit Händeschütteln und Smalltalk verbrachten. Nachdem die Zeremonie abgeschlossen war wurden wir zum öffentlichen Teil der Veranstaltung geführt, wo verschiedene Kindergruppen aus der Region ihre Tänze aufführten. Die offiziellen Besucher_innen wurden auf die Bühne geladen und ein weiteres mal vorgestellt. Es wurden einige Interviews mit verschiedenen Lokalzeitungen geführt und da Nikolaj wieder zurück musste konnten auch wir uns danach glücklicherweise schnell verabschieden. So merkwürdig eine so reaktionäre Veranstaltung auf uns wirkt, die den Blick auf die Tradition und unterschiedlichen Kulturen und Minderheiten wirft, sich an der Vergangenheit festhält und gleichzeitig anhand der Flaggen probiert einen Aufbruch nach Europa, eine Eingliederung in die Europäische Union zu propagandieren, so sehr verkörpert sie auch das Bild der Ukraine und verweist auf den Zwiespalt vor dem sich die Zigeuner befinden. „Wie sollen wir mit all unseren Unterschieden eine gemeinsame Identität finden, die die Handlungsbasis für eine Emanzipation bietet?“
Das letzte Gespräch dieser Reise findet am gleichen Abend mit Vika, einem 25-jährigen Roma Mädchen statt, die nach der Schule eine Ausbildung als Krankenpflegerin machte, heute arbeitet und nebenbei Medizin studiert. Ihre Eltern haben sich sehr dafür eingesetzt, dass sie Freunde aus verschiedenen ethnischen Gruppen habe und sie keiner dafür diskriminiere, dass sie Zigeunerin sei. Heute passiere es ihr öfter, dass sie den Kindern von Freunden sage vorsichtig mit fremden Zigeuner_innen zu sein. Die Eltern greifen dann oft ein und sagen: “Das musst du ihnen nicht erzählen, sie wissen dass es überall solche und solche gibt. Sie sollen das Bild von dir als Zigeunerin haben, keins vor dem sie Angst haben müssen!”
Wir unterhalten uns über die Traditionen, Religion und sie weist darauf hin, dass die Krim Zigeuner zu denen sie auch gehört traditionell muslimisch sind. Da ihr Vater aber Ukrainer war ist sie christlich getauft worden. Das wichtigste, was die Roma von anderen Volksgruppen unterscheide sei ihre Liebe zur Familie und die bedeutende Rolle von Kindern in der Familie. Wir fragen sie, ob sie verheiratet ist und wie sie Familie, Arbeit und Studium unter einen Hut bekomme. „Ich habe noch keine Familie! Wir leben im 21. Jahrhundert, da muss man mit den Traditionen brechen können ohne dabei seine Herkunft zu verleugnen. Natürlich verstehen nicht alle warum ich in meinem Alter lieber studiere als eine Familie zu gründen, aber das ist bei euch auch nicht anders, oder?’








