Auf meinem letzten Weg nach Deutschland habe ich das erste mal die Bahnverbindung über die Slowakei und Tschechien ausprobiert, was sehr gut funktioniert hat. Der Bahnübergang von Chop in die Slowakei ist zwar aufregender als nach Budapest (über beide Grenzen wird in beide Richtungen viel geschmuggelt) aber als Westeuropäer hat man eigentlich nichts zu befürchten, dafür aber viel zu beobachten. Bei der Einreise in die Slowakei muss man einige Zollerklärungen ausfüllen über die Zigaretten die man dabei hat, mit Code und Gewicht, das muss man in Ungarn nicht. Aber ich hatte erfahrene Leute dabei, die mir beim Ausfüllen geholfen haben und überraschenderweise alle Ungarisch sprachen, was ich bei dieser Grenze nicht unbedingt erwartet hätte. Aber offensichtlich wohnen in der Grenzregion in der Slowakei auch sehr viele Ungarn. Ob diese doppelte Abhebung zur Zugehörigkeit der jeweiligen Nationalstaaten eine Rolle in ihrem Handeln und verhalten spielt kann ich nicht sagen, aber von der 3/4 Stunde die diese Grenzüberquerung gedauert hat, könnte ich ewig viele Geschichten erzählen!
Da war zum einen ein sehr lautes Kind. Das Ungarisch sprach, allerdings auf eine sehr merkwürdige Weise. Und selten in ganzen Sätzen dafür mit sehr viel Mimik. In solchen Situationen komme ich mit meinen Ungarischkenntnissen an Grenzen, die es mir nicht ermöglichen gewisse Nuancen und Stilmittel zu unterscheiden, und festzustellen, ob das einfach nur aufgedreht und albern war, oder behindert. Nicht, dass das besondere Relevanz gehabt hätte, aber ich bin grade so ans analysieren gewöhnt, dass mich verwirrende Grenzen die unseren Kategorien nicht entsprechen und so schwer einzuordnen sind immer wieder reizen. Auch ob es ein Mädchen oder ein Junge war kann ich nicht sagen. Es hatte eigentlich einen männlichen Vornamen, sah mit dem Zopf und blonden Locken aus wie ein kleines Mädchen – der Laster in der Hand sprach wieder dafür, dass es ein Junge war. Macht Spaß sich so immer wieder selber dabei zu ertappen, seine Voreingenommenheit nicht abstellen zu können.
Außerdem gebe ich mir für meine Magisterarbeit gerade Mühe herauszufinden wie sich Zigeuneridentität manifestiert. Der Vater von dem Kind, sah auf Grund seiner Kleidung aus wie ein Amerikaner, sprach aber ungarisch und war offensichtlich slowakischer Staatsbürger. Durch seine dunklen Haare und dunkle Haut, hätte er, da er nicht aus Amerika kam, dann eher ein Zigeuner sein müssen (dieses Auswahlverfahren schließt die Erfahrung mit ein, dass Ausländer die die Grenzen hier überqueren meistens „Back-to-the-Roots“ traveller aus den USA oder Missionare sind, die meistens aus Holland oder dem anglophonen Sprachraum stammen). Sein Verhalten und seine Sprache genauso wenig wie seine Begleitung gaben aber überhaupt keinen Hinweis darauf, dass er Zigeuner sein könnte, so dass ich für mich entschied, dass er per Selbstdefinition und Präsentation kein Zigeuner sei und mir alles andere fern liegt zu beurteilen. Dass er von der Mehrheitsbevölkerung offensichtlich ohne Zweifel als Zigeuner angesehen wurde, wurde allerdings einen Moment später deutlich, als er als einziger Mitfahrer nach dem Verlassen des Zuges einer weiteren Zoll-Kontrolle unterzogen wurde…
Dabei haben wahrscheinlich außer mir und dem Kind alle geschmuggelt, auch wenn mir immer noch unverständlich ist wie. Die Frau bei mir im Abteil versuchte ihr Glück mit einem tiefen Ausschnitt und dem krassesten Brust-entgegenstrecken was ich jemals gesehen habe. Aber auch die anderen liefen ständig flüsternd von einem Abteil ins andere. Die Grenzbeamten haben meines Erachtens alles an der Bahn auseinander genommen haben, was es gab, wenn sie also eh bestochen wurden, oder in anderen Worten ebenfalls von dem Geschäft profitieren, verstehe ich nicht warum sie trotzdem jede Schraube einzeln lösen mussten. Wenn das alles nur Theater war hätten sie wohl auch nicht damit zufrieden gegeben mir nur einmal kurz in den Rucksack zu sehen….
Aber eigentlich wollte ich was zur Bahnfahrt schreiben:
Chop-Kosice € 10,-
Kosice-Prag € 35,-
Prag-Berlin € 50,-
Also auf jeden Fall günstiger als Normaltarif über Budapest, obwohl das Ticket von Budapest nach Chop und zurück ca. € 35,- und es seit 2009 auch Sparangebote Deutschland-Budapest für € 29-39,- gibt.
Nach einer kalten aber schönen Woche in Deutschland, bin ich dann am Freitag nachmittags in Budapest gelandet um Montag morgen wieder zurück in die Ukraine (eigentlich sollte ich in Budapest anfangen eine Website für RGDtS zu machen, aber demjenigen mit dem ich das machen sollte, ist leider seine Familie dazwischen gekommen) zu fahren. Ich musste mal wieder feststellen, wie schön es in Budapest ist und dass ich demnächst noch mal einen längeren Abstecher dorthin machen sollte. Diesmal blieb nur Zeit für einen ein Ausflug zum ethnografischen Museum, der mich mitten durch den am Sonntag in schönster Sonne stattfindenden Marathon geführt hat. Direkt neben dem Museum war eine Essen- und Getränke Ausgabe und als ich um die Ecke bog, befand ich mich auf einmal – äußerst unvorbereitet – direkt zwischen den Läufern, die über den Fußweg abkürzten…
Das Museum kann ich sehr empfehlen, auch wenn die gegenwärtige Levi-Strauss Ausstellung dort zum Thema “The Other” bis jetzt nur mit Ungarischen Erklärungen ausgestattet ist, was sich aber in nächster Zeit ändern soll!
In Uzhgorod angekommen habe ich mich (auch etwas unvorbereitet) wirklich richtig gefreut mit meinem Fahrrad wieder durch diese sonnige kleine Stadt fahren zu können. Abends rief A.A. mich auch gleich an um am nächsten Tag einen ganz eiligen Projektantrag mit mir abschließen zu können. Das ging dann aber doch erst einen Tag später, weil ein langer, langer Tag an Übersetzungsarbeit dafür notwendig war.
Dafür hatte ich heute frei und konnte das tolle Herbstwetter hier nutzen, um für den kleinen Hofhund den es seit meiner Wiederkehr bei uns vor dem Haus gibt, ein Halsband und eine Leine zu kaufen und mit ihm einen Ausflug auf einen benachbarten „Hügel“ zu machen. Die Hoffnung, von dort aus auch weiter in die Berge zu kommen hat sich leider nicht bestätigt, dafür hab ich einen Friedhof gefunden, den ich bei Gelegenheit noch mal intensiver betrachten werde. Der kleine Hund, der seit seiner Ankunft hier Mitte September an der Kette im Hof war, ist noch nicht so richtig fit, was verständlich ist, wenn man bedenkt dass sein Bewegungsradius der letzter Zeit ca. 2 Meter betrug. Aber er hat sich gut benommen, sowohl an der Leine, als auch ohne, da er bis heute noch keinen Namen hatte, war das mit dem hören noch schwierig aber wird bestimmt bald.
Anmerkung vom 17.02.09.
Den Hund gibt es schon seit langer Zeit nicht mehr. Wo er hin ist und ob es ihn überhaupt noch irgendwo gibt weiß ich nicht. Seine Besitzer waren unzufrieden, weil er nicht bellte und somit seine Wachfunktion nicht erfüllt. Nachdem er vom Grundstück verwiesen wurde traf ich ihn noch ab und zu auf der Straße. Das aber auch schon lange nicht mehr. Emotionale Bindung an Hunde endet hier meistens Verhängnisvoll. So schwer es mir auch fällt gebe ich mir Mühe nicht auf das ständige Quitschen zu reagieren. Hier im Haus sind wir inzwischen bei Hund fünf. Der erste, Nika, verschwunden. Der zweite, Izabella II (benannt nach einem sehr hässlichsten, aber auch sehr liebenswerten Hund in Szernye: Izabella I) wurde nach einigen Wochen von den Besitzern von denen er zuvor geklaut worden war zurück verlangt. Der dritte kam ungefähr gleichzeitig mit Maci/Frieda, die ich aus Szernye mitbrachte und die jetzt bei einer Freundin in Leipzig wohnt. Ich denke er wird über Weihnachten draußen erfroren sein. War von Anfang an sehr ängstlich und schwach und auch noch viel zu klein um bei so viel Kälte alleine draußen zu sein. Dafür haben wir jetzt Izabella III: ein weiterer Pekinesenmischling (wie auch Izabella I + II) sehr flauschig, niedlich und verspielt und ich gebe mir viel Mühe mich nicht mit ihm zu beschäftigen – und er freut sich trotzdem (oder vielleicht auch grade deswegen) jedes mal riesig wenn er mich sieht und ich kann kaum einen Schritt durch die Wohnung machen ohne ihn um die Füße laufen zu haben….
Freitag. Um kurz nach fünf aufgestanden, um um 6:40h mit dem Bus von Uzhgorod nach Beregszaz zu fahren. Das erste Mal, dass ich mit einem anderen öffentlichen Verkehrsmittel als der Bahn gefahren bin. War gut, schon bequemer als mit der Bahn, aber auch nicht richtig viel schneller und wärmer. Es kommt laute Musik aus den Lautsprechern die den ganzen Bus unterhält und ich fürchte, dass das auf Grund der somit gegebenen Homogenität doch angenehmer ist als umgeben von drei Leuten zu sitzen die gleichzeitig unterschiedliche, wenn auch leisere Musik auf ihren Handys ohne Kopfhörer hören. Die Preise für die öffentlichen Verkehrsmittel sind immer noch unschlagbar (Szernye-Uzhgorod/2 Std. ca. 50 cent, Bus nach Beregszaz/1 1/2 Std. ca. € 2,-) und auch ein Taxi innerhalb der Stadt was einen für € 1-2,- von Tür zu Tür fährt bezahle ich gerne.
Aber zurück zum Thema. Als ich nach meiner ukrainischen Uhr um halb neun in Beregszaz ankam wurde mir erzählt, dass der Gottesdienst, bei dem ich eine Gruppe amerikanischer Frauen (PW) und ihren deutschen Begleiter treffen sollte, erst um acht anfinge.
Das ist Transkarpatien. Dass in den Ungarisch-sprachigen Dörfern nach der ungarischen Zeit gelebt wird war ich ja schon gewohnt (ich muss auch immer wenn ich nach Szernye fahre eine Stunde abziehen) aber, dass in einer Stadt, wo es Läden gibt an denen die Öffnungszeiten stehen und Behörden u.s.w. auch nach ungarischer Zeit gelebt wird hatte ich nicht in Erwägung gezogen. Nachträglich erfuhr ich, dass wohl nicht alle Menschen dort nach ungarischer Zeit lebten, sondern nur die Angehörigen der Reformierten Kirche, was meine Verwunderung auch nicht wirklich legte. Aber es erklärt wahrscheinlich, dass der Pastor (ebenfalls Mitglied der Reformierten Kirche) mit dem ich den Tag vorher sprach und der in Munkacevo wohnt, wo die Mehrheit nach ukrainischer Zeit lebt, es nicht für erwähnenswert hielt anzumerken, dass es sich um ungarische Zeit handelt. Puh. Zeitzonen nach religiösem Zugehörigkeitsgefühl also.
So konnte ich mich aber noch ein wenig in Beregszaz (ukr. Bereghovo) umsehen und einen Kaffee trinken, bevor ich mich in die kalte Kirche begab. Der Gottesdienst wurde von einer noch sehr jung wirkenden Frau gehalten (auf Ungarisch natürlich). Sie hat sogar für mich ziemlich gut verständlich gesprochen, in den “großen Kirchen” fällt es mir sonst ziemlich schwer alles zu verstehen, bei den Zigeunergottesdiensten bei denen ich meistens war kann ich besser folgen, weil dort mehr Kolloquialsprache verwendet wird. Ich war seit ca. 7 Jahren nicht mehr bei einem Gottesdienst der Reformierten Kirche Transkarpatiens und erinnerte mich schnell wieder daran, warum ich dem auch noch nie sonderlich zugeneigt war. Ich glaube nächstes mal zähle ich mit wie oft das Wort Sünde in so einem Gottesdienst vorkommt. Wir sind alle Sünder und müssen Buße tun. Immer wieder. Das ist schon komisch alles. Im laufe des Tages erfuhr ich, dass vor einiger Zeit (letztes Jahr?) ein Beschluss gefasst wurde, der Pastorinnen aus der Reformierten Kirche ausschließen sollte. Dieser ist inzwischen wieder aufgehoben oder eher gelockert worden, und besagt jetzt dass Frauen zwar nicht Hauptpastorinnen einer Gemeinde sein dürfen, aber immerhin als Zweitbesetzung eingesetzt werden können. Auch das ist Transkarpatien.
Als wir den Pastor, mit dem wir den Tag über unterwegs waren, dazu befragten zog er einen Vergleich zur protestantischen Kleinfamilie: Dort sei der Mann ja auch der Familienvorstand, der über das Wohl der Familie wache. Ist allerdings kein Mann da, dann könnte auch eine Frau diese Rolle einnehmen. Insofern sollte auch in der Kirche immer als erstes nach einem Mann als Pastor gesucht werden und nur wenn es keinen gibt eine Frau als Pastorin eingesetzt werden.
Ich weiß in solchen Situationen immer gar nicht was ich sagen oder wie ich mich verhalten soll. In Deutschland würde ich sofort eine Diskussion anfangen. Hier fühle ich mich in solchen Momenten sehr weit weg von zuhause und ärgere mich über meine Sprachlosigkeit.
Ähnlich erging es mir auch neulich in Szernye. Ich war bei einer ungarischen Familie, die ich schon lange kenne und die wirklich sehr arm ist. Die Mutter erzählte, dass sie zwar nicht viel haben, aber immerhin mehr als viele Menschen, die sie im Fernsehen sieht, die nicht mal ein Brot haben und verhungern müssten. Sie führte weiter aus, dass das so sei, weil nicht alle Menschen auf der Welt an Gott glaubten und er sie dafür strafe. Als ich anmerkte, dass „diese Leute“ aber auch an (einen) Gott glaubten, kam sofort der Einwurf, dass das wohl so sein möge, aber sie ja nicht an den richtigen Gott glauben! Sie hätten komische Namen für ihr Götter und beten Götzen an und das sogar obwohl auch in ihrer „Hindi Bibel“ (?) stünde, dass sie das nicht dürften.
Und Verena sitzt da und lächelt und sagt nur: Na ja, das sind aber trotzdem gute Menschen? Und: Das ist schon schwer.
Doof. Aber auf welcher Ebene könnte ich ein Gespräch beginnen? Und was für Auswirkungen hätte das?
Dennoch platzt auch mir irgendwann der Kragen und als mich oben genannter Pastor nach diesem sehr interessanten Tag mit den PW zurück nach Uzhgorod fuhr, konnte ich nicht mehr neutral bleiben. Er referierte erst eine Weile über die Notwendigkeit des Glaubens, ohne den man nicht genügend Stärke hätte mit oder bei den Zigeunern zu arbeiten und dass er deswegen in seiner Gemeinde nur Freiwillige möchte, die einen starken Glauben haben und diesen auch den Zigeunern vermitteln. Er erzählte, dass in einem Jahr dort Freiwillige waren, die so zu Tanzen lernen wollten wie die Zigeuner. So jemand möchte er nicht noch einmal in seiner Gemeinde haben, das dürfe man nicht unterstützen, sie bemühen sich doch gerade den Zigeunern diesen „Okkultismus“ auszutreiben. Meine darauf folgende Mitteilung, dass ich weder in der Ukraine noch in Deutschland regelmäßig in die Kirche gehe und auch nicht an einen „Gott“ glaube, schon gar nicht wenn wenn er Menschen vorschreibt was für Musik und Tänze sie mögen dürfen und welche nicht nahm er verwundert aber höflich zur Kenntnis. Er hat wahrscheinlich auch schon einige Erfahrung mit Menschen aus dem „Westen“ die mit dem hier gelebten Fundamentalismus Probleme haben.
Die Führung der PW an jenem Tag begann in einer sehr kleinen Zigeunersiedlung, die aber für die Gruppe aufgrund der Regenfälle der vorhergehenden Tage nicht zugänglich war. Es gab keine befestigten Wege, die Schule/das Gemeindehaus befand sich aber sehr nah an der Straße und ein Besuch und eine Einführung in die Zigeunermission der reformierten Kirche von Transkarpatien waren dort gut möglich. In dem einzigen Klassenzimmer saßen acht Kinder unterschiedlichen Alters über ihre Hefte gebeugt und probierten, Buchstaben nachzumalen. Als wir den Raum betraten, wurde der Unterricht abgebrochen und die Kinder wurden stattdessen aufgefordert, den Besucher_innen einige Lieder vorzusingen. Die Kinder waren 4 bis 10 Jahre alt und den Kleineren kam diese Gelegenheit recht, um in ein wenig Gerangel auszubrechen, da die Lieder im Kreis vorgetragen wurden und auch Handzeichen und Bewegungen beinhalteten. Danach wurde die Lehrerin vorgestellt, die selber eine im Ort ansässige Zigeunerin war und schnell verschwand, um Kekse und Tee für die Gäste zu besorgen. In dieser Zeit berichtete der Pastor über den Beginn seiner Arbeit, die damals das Hauptaugenmerk auf die Evangelisierung der Kinder legte und ihnen vor allem die Geschichten der Bibel und das Singen christlicher Lieder beibrachte. Er machte dabei klar, dass die Vermittlung des Glaubens für sie eine wichtigere Rolle als formale Schulbildung spiele. Es wurde weiter über die Armut im Lager berichtet, darauf hingewiesen, dass viele der Eltern Alkoholiker seien, und die Kirche versuche, durch die Kinder auch Zugang zu den Eltern zu bekommen. Sie hofften darauf, dass, wenn die Kinder lernten, ein vernünftiges Leben mit geregeltem Tagesablauf zu führen, sie dieses Verhalten auch an ihre Eltern übermitteln würden. Die Beschreibungen der unzivilisierten Lebensverhältnisse der Zigeuner, die Abwesenheit von Arbeitsmöglichkeiten, medizinischer Versorgung, Kanalisation und fließendem Wasser sowie ausreichender Stromversorgung gingen den Besuchern sehr nahe.
Aus ihren Gesprächen nach dem Verlassen der Schule ging hervor, dass ein Leben unter den beschriebenen Verhältnissen, ohne warmes Duschen und Waschmaschine, für sie unmöglich erschien. Auch ich hatte bei den Beschreibungen unwillkürlich viele stereotype Bilder im Kopf. Gleichzeitig sah ich jedoch auch mich, wie ich am Tag davor in Szernye bei einer Familie in der Küche stand, die unter den beschriebenen Bedingungen lebt. Deren Kinder laufen trotz all dieser Voraussetzungen in neuer Kleidung herum, der Sohn denkt über den Kauf eines Motorrads nach und ich habe zusammen mit der Schwiegertochter in der Küche Pizza gebacken – ein Gericht, das nicht zur traditionellen lokalen Küche gehört und das Teile der Mehrheitsbevölkerung vielleicht auch noch nie gegessen haben. Dass man sehr wohl „duschen“ kann auch ohne fließendes Wasser und sogar Waschmaschinen funktionieren, wenn man das Wasser nachkippt, dass in den Häusern vielleicht Stereoanlagen und Fernseher stehen und die Überlegung besteht, eine neue Mikrowelle zu kaufen, da man sich keine Gedanken um die Stromrechnung machen muss, solange es noch keine Stromzähler gibt, kommt bei der Aufzählung der offensichtlichen Mängel nicht in den Sinn. Auch die Frage nach den bunten Bademänteln, in denen einige der jungen Zigeunermädchen herumliefen, eine Tatsache, die mir gar nicht aufgefallen wäre, schärfte meinen Blick, da ein solches Bild selbstverständlich für Außenstehende sehr merkwürdig anmuten muss. Die dazu gefundene Erklärung, dass sie ja keine Badewannen hätten und somit auch nie an den Gebrauch eines Bademantels im eigentlichen Sinne denken könnten, Bademäntel somit als modische Jacke betrachteten, schien für alle Seiten einleuchtend, jedoch verwies auch diese Tatsache auf die merkwürdige Rückständigkeit und einen Mangel an Zivilisation, der als bemitleidenswert betrachtet wurde. Als wir danach wiederum die Schule in Szernye besuchten, wurde das genau gegenteilige Bild präsentiert. Ca. 40 Kinder saßen in drei Klassenräumen, wirkten konzentriert, konnten offensichtlich längere Texte lesen und schreiben und trugen sogar christliche Lieder auf Englisch vor. Alle waren ruhig, sauber und vorbildlich und kamen erst, nachdem sie in die Pause entlassen waren, auf mich zu gerannt, um zu erfahren, wer die Menschen seien, mit denen ich unterwegs war. Die Schule wurde als erfolgreiches Projekt vorgestellt und gelobt, da die Kinder hier dank der seit mehreren Jahren laufenden Schulbildung bereits ein „hohes Maß an Zivilisation“ erreicht hatten. Dass auch sie nach Hause gehen und dort trotzdem lernen wie Zigeuner zu tanzen, zu singen und sich zu verhalten muss für dieses Bild ausgeblendet werden.
War ein sehr interessanter Tag der mir meine ambivalente Position hier klar gemacht hat, die es mir ermöglicht vieles aus der Sicht der Menschen hier zu sehen, das aber noch lange nicht bedeutet, dass ich einige der für sie essentiellen Wertvorstellungen mit ihnen teile oder jemals teilen können werde.
Letzte Woche Mittwoch bin ich in mein neues Zimmer in einem türkisfarbenem neuen Einzelhaus bei einer Zigeunerfamilie hier in Uzhgorod gezogen. Das Haus befindet sich im gleichen Viertel wie das Hotel – das Viertel heißt Radvanka und wird hauptsächlich von Zigeuner bewohnt. Die Frau, der das Haus gehört ist die Schwester von A.A.. Sie ist verheiratet und hat aber trotzdem den gleichen Nachnahmen wie er. Aber wahrscheinlich sind auch hier familiäre Verläufe weitreichend und nicht sofort ersichtlich. Neben diesem älteren Ehepaar wohnt hier noch ein jüngeres Pärchen mit ihrem kleinen fünfjährigen Sohn. Beide sind Anfang 20 und er ist der Enkel von oben genanntem Ehepaar. Sie arbeitet in der Küche des Romani Yag Restaurants und er fährt Taxi, die älteren sind Rentner. Das Haus konnten sie gemeinsam Bauen weil die älteren als Überlebende des Holocausts eine Entschädigungszahlung erhalten haben. Um die Betriebskosten am Laufen zu halten müssen sie aber ein Zimmer vermieten. Auf jeden Fall sind alle sehr nett und freundlich. Mit Eztera, der Schwester von A.A. spreche ich Ungarisch, mit dem Enkel (Richard) auch. Mit ihrem Mann (Rudolf) und der Schwiegertochter (Vika) Ukrainisch/Russisch. Der alltägliche Sprachgebrauch der Zigeuner bedarf sowieso einer gewissen Beachtung. Ich habe bis jetzt selten einen Satz gehört, der durchgehend in einer einzigen Sprache gesprochen wurde. Dabei sind die Verben meist auf Romani und die Hauptwörter in Ungarisch oder Ukrainisch/Russisch. Das Prinzip der Verwendung ist ein wenig undurchsichtig. Am besten gefiel mir neulich eine Unterhaltung in der es um das Romani Yag Hotel ging. Das Wort “Gast” wurden dabei auf Ungarisch und “bei uns im Restaurant” wiederholt auf Ukranisch gesagt, während die Unterhaltung sonst auf Romani verlief. Im gleichen Zuge werden wie es scheint alle Endungen weg gelassen und es reicht, wenn man Wörter aneinander reiht, was für mich im Moment die Sache einfacher macht, aber langfristig wahrscheinlich eher kontraproduktiv ist um etwas zu lernen was man auch außerhalb von Transkarpatien versteht.
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An dem Tag an dem ich umgezogen bin habe ich dann auch endlich ein kleines weißes UMTS Modem mit Sim-Karte und Flatrate bekommen und kann jetzt in der ganzen Ukraine mobil ins Internet und somit auch Arbeiten, was ich diese Woche auch ganz fleißig gemacht habe.
Wenn alles gut geht können wir den ersten Projektantrag morgen abschicken und gleich mit dem nächsten Anfangen. www.romaniyag.wordpress.com ist gestern online gegangen, falls jemand nähere Informationen zu dem haben möchte, was Romani Yag bis jetzt gemacht hat.
Nach nunmehr einer Woche hier in Uzhgorod ist mein ersten Projektantrag fast fertig! A. A. und ich waren heute noch einmal im Büro um die letzten fehlende Dokumente und Unterlagen zu holen, bzw. Kopien und Referenzen in Auftrag zu geben. Jetzt habe ich den Rest des Tages frei und hoffe später M. treffen zu können um mir mobiles Internet zu besorgen und somit auch wieder kommunikativer und unabhängiger zu werden.
Außerdem hatte ich grade Besuch von der Tochter unserer Buchhalterin (s.u.) die mir eine Einführung in ukrainische Jugendkultur gab. Sie hat einen fast dreiviertelstündigen mehr oder weniger Monolog geführt (ich konnte mich in der Unterhaltung verbal noch nicht so richtig einbringen). So erfuhr ich zum einen, dass ihr Freund “emo” sei (hier als performative Kategorie zu betrachten, die mit einem gewissen äußerlichen Erscheinung in Kombination mit Musik hier: Slipknot und Rammstein einher geht). “Emo” wird “Amo” ausgesprochen und es hat eine Weile gedauert bis ich verstanden hatte was sie meint. Sie hört eher Punk (=Avril Lavigne). Die meisten in ihrer Generation hörten aber Hip Hop und tragen Caps und Hosen, deren Ärsche in den Knien hängen… kenne ich, kennt ihr, kennt sie. Gegen Ende dieser Mitteilungen wurde mir auch klarer, warum mir alle diese Informationen zu teil wurden: Ich hatte heute etwas rosa-schwarz gestreiftes und Chucks an, weswegen sie dann auf einmal bei mir im Zimmer stand und sich nach meiner Musik erkundigte. Jetzt habe ich gelernt was boyfriend auf ukrainisch heisst (und das andere Wort heute war usb stick: flash-ka) und einige weitere Wörter meines vor langer Zeit gelerntem Ukrainisch etwas weiter nach vorne geholt und von flashmop Aktionen gehört, die sie hier in der Stadt gemacht haben. Und wie sie den älteren Menschen erklären mussten, dass sie dafür kein Geld haben sondern nur irritieren wollen. Scheint also noch einiges zu entdecken zu geben…
Kurzes Update. 16h und ich komme ziemlich durchgeschwitzt vom einkaufen zurück. Ganz schön heiss hier. Vorher war ich beim Bahnhof um zu kucken, wann mein Zug morgen früh nach Szernye geht, wo ich voraussichtlich bis Montag bleiben werde um noch mal Interviews für meine Magisterarbeit zu machen (auch in der Schule). Die Arbeit daran läuft ganz gut, hab fast all mein Material gesichtet und gekürzt, noch zu klärende Fragen rausgeschrieben, den Rest wollte ich heute Abend machen und wenn morgen und übermorgen gut und die nächste Woche so wie diese läuft, dann könnte die Arbeit in ihren groben Zügen nächste Woche fertig sein. Klingt ein bisschen zu ambitioniert? Mal schauen… Wenn’s diesen Monat fertig würde wäre das schon ok….
Aber schreiben hier mit direkter Verbindung – da machte die räumliche Nähe offensichtlich doch ne ganze Menge aus – geht einfach viel besser. Und natürlich auch sehr angenehm zu wissen, dass ich für weitere Fragen nur mal kurz 1 1/2 Stunden rüber fahren muss (Zug scheint auch schneller geworden zu sein – mit der Realität werde ich das erst morgen abgleichen…)
Ansonsten bin ich ziemlich froh, dass ich schon Ungarisch kann, ich weiss gar nicht was meine neue Einsatzstelle sonst mit mir machen würde? Außer mir eine der zur Verfügung stehenden Sprachen bei zu bringen… Na ja, da das mit der Verständigung aber ziemlich gut klappt, hab ich als erste Aufgabe bekommen eine Stiftung zu finden, die ein Projekt für Rechtsberatung für Zigeuner aus der Region finanziert. Leider sind alle Dinge, sprich Projekte, die Zeitung und Beratung die vorher von Romani Yag gemacht wurden mangels Finanzierung in den letzten Monaten abgebrochen und viele der ehemaligen Mitarbeiter sind nicht mehr da. Darum ist es dort bis jetzt auch noch wahnsinnig ungeordnet und Daten über verschiedene Computer verteilt, mit nicht relationierbaren Namen versehen und na ja, von sehr unterschiedlicher Verwertbarkeit…
Ich bin jetzt grade dabei alle vorhandenen Daten zu sichten, nutzbare Informationen auf einer Internetseite zusammen zu stellen und wenn ich einen gewissen Überblick habe, beginnen neue Anträge auszufüllen. Ich glaube mein Chef hätte das zwar lieber andersrum, erst Anträge, dann Internetseite, aber ich mach das lieber der Reihe nach, auf die eine Woche kommt es finde ich nicht an, außerdem können die froh sein, dass ich mich überhaupt mit solchen Dingen auskenne…. (Sind sie auch denk ich.)
Am Montag ziehe ich wahrscheinlich um. Meine Unterbringung war von Anfang an nicht wirklich geklärt, was auch nicht schlimm ist, nur lustig: Nachdem es hieß, ich könnte für € 200,- im Monat hier im Hotel wohnen bleiben, haben sie jeden Tag um € 50,- erhöht, weil sie festgestellt haben, dass es sich für sie sonst, im Vergleich zu den normalen Tagespreisen, nicht rechnet (obwohl hier sonst niemand wohnt). Nachdem ich gesagt habe, dass ich nicht mehr zahlen kann haben wir uns darauf geeinigt ein Zimmer/Wohnung zu suchen. Und nachdem M. aussagte, dass € 150,- durchaus reichten, war auch das schnell gefunden. Für mich werden jetzt drei Parkistanis vor die Tür gesetzt, die bis jetzt bei irgendeinem Verwandten (testvèr=Geschwister, hier aber eher ein weit gefasster Begriff) gewohnt haben. Da gibt es warmes Wasser und einen Schlüssel fürs Zimmer und wahrscheinlich auch ein Klo drinnen. Vielleicht sogar ne Küche die ich mitbenutzen kann. Aber das wird sich dann wohl Montag zeigen.
Im Hotel überraschte mich gerade die Antwort auf die Frage, ob es eine Möglichkeit gäbe meine Wäsche zu waschen. Nein, wir haben hier keine Waschmaschine. Sehr merkwürdig ein Hotel und Restaurant ohne Waschmaschine, dafür Flachbildschirme und Whirlpooldusche (die ich immer noch nicht vernünftig genutzt habe). In dem Zuge habe ich aber auch ein neues wahrscheinlich transkarpatisches Wort gelernt: wasólni (sprich: wascholni). Das eigentliche ungarische Wort wäre mosolni (sprich moscholni), also vom Klang nicht so weit weg, aber da es weder im Russischen, noch im Ukrainischen einen Wortstamm mit wasch- gibt schon ziemlich deutliche Anlehnung ans Deutsche.
Auch die Stereotype die mir bis jetzt präsentiert wurden (von einem Roma/Zigeuner wohlgemerkt), sind nicht ohne: “Unsere Buchhalterin (auf russisch: buchhalter) ist jüdisch. Juden sind sehr gute Buchhalter. Schon immer. Die haben das im Kopf. Die Russen können das nicht so gut.”
Auf die Russen sind sie hier sowie so nicht gut zu sprechen. Das sind alles Diebe und Kommunisten und viel zu streng und starr und zu böse.
Bis ich anfange mich hier mit jemandem über die Dekonstruktion von Stereotypen zu unterhalten wird es aber wohl noch ein wenig dauern…
Überall herrscht sympathisches Chaos. Ich sitze grade auf der Terrasse des Restaurants, das zum Hotel gehört, wollte eigentlich Kartoffelspalten mit Käse essen, stattdessen steht jetzt ein großes Bier und eine Suppe voller Speck und Bohnen vor mir. Lecker schon, aber auf diesem Glibschkram im Mund rum zu kauen klappt trotz größter Bemühungen einfach nicht.
Das Restaurant hat sich nicht nur äußerlich einer Zigeunerthematik angenommen (siehe Bild: Freisitz mit Zigeunerwagen) sondern auch das Menü wird mit spezieller Zigeunerküche – die mir offensichtlich gerade näher gebracht werden soll. Bei wohlhabenden Zigeunern bedeutet Zigeunerküche hauptsächlich, dass es sehr viel Fleisch gibt. Neben „Zigeunerschnitzel“ (was für mich im Kontext gerade sehr nach Kanibalismus klingt) und „Gulasch nach Zigeunerart“ gibt es z.B. Hühnersuppe „Zappzarrap“. Das ist Suppe mit geklautem Huhn – weil kein Huhn so gut schmeckt wie geklautes Huhn (und ihr solltet mal sehen wie die Augen gefunkelt haben als mir das freudestrahlend erzählt wurde)! Außerdem gibt es „Bogácsa“ – das ist Hefeteig in der Pfanne (ursprünglich in der Kohle) gebraten und Innereien. „Cigány haluska“, d.h. übersetzt Zigeunernudeln gibt es im Restaurant zwar nicht, aber eine Spezialität sind sie trotzdem. Die Nudeln werden aus dem gleichen Teig gemacht wie andere Nudeln (hier werden Nudeln allgemein meistens selber gemacht) aber nicht geschnitten sondern in kleinen Stücken in das kochende Wasser gezupft. Die Geschichte dazu besagt, dass die Zigeuner – als sie noch herum zogen – keine Tische hatten auf denen sie die Nudeln hätten schneiden können. Dafür hatte jede Frau einen speziellen Rock, der über die anderen gezogen wurde um das Essen zu zubereiten. In diesem Rock wurde sich vor den Topf auf dem Feuer gehockt, der Teig über dem Oberschenkel ausgebreitet und so über Knie ins Wasser gezupft. Die gekochten Nudeln werden dann mit Kohl (haben sie den auch gezupft?) angebraten. Eine weitere Delikatesse von der mir nur berichtet wurde, ist geklautes Huhn. Es wird, nachdem es von den Federn befreit wurde, mit Lehm umhüllt und so lange ins Feuer gelegt wurde bis der Lehm gebrannt ist und man die „Kruste“ einfach abschlagen kann. Danach soll das Fleisch sehr zart sein, aber da heute keiner mehr auf dem Feuer kocht und das mit dem Lehm auch nicht so hygienisch ist können sie das im Restaurant nicht anbieten.
Chaotisch ist es aber nicht in der Küche sondern gerade um mich herum auf der Terrasse. Neben mir werden Rohre verlegt, Löcher geschlagen, angepasst, hin und her gerufen (auf vielen unterschiedlichen Sprachen gleichzeitig und abwechselnd), gestern wurden Bewegungsmelder angebracht und auch andere Dinge befinden sich gerade eher noch im Aufbau. Aber Restaurant und Hotel haben auch erst im letzten Monat eröffnet. Die Baumaßnahmen wirken auf mich alle ein wenig semi-professionell, aber es scheint fürs erste zu klappen. Stabiles, nachhaltiges Bauen ist das aber nicht. Es liegt mir fern besserwisserisch klingen zu wollen und ich könnte das definitiv nicht besser, aber die Wände im Hotel, obwohl ganz neu, sind jetzt schon von ziemlich vielen Rissen durchzogen und das kommt bestimmt nicht von den ständigen Erdbeben hier… Meine Zimmertür auf und zuzuschließen ist jedes mal mit der großen Angst verbunden den Schlüssel abzubrechen, weil alles klemmt und so verzogen ist.
Mein „Arbeitsalltag“ ist ähnlich improvisiert und auch mobiles Internet zu besorgen erweist sich so kompliziert und mit so vielen unterschiedlichen Vorgängen und Verzögerungen verbunden wie erwartet. In der Hoffnung, dass sich die Mühlen schneller drehen, wenn ich sage dass ich ohne Internet auch für Romani Yag nicht vernünftig arbeiten kann, was nicht mal gelogen ist, warte ich jetzt erstmal weiter ab. Der Tag beginnt hier normalerweise um 10h, dann fahre ich mit A. A. ins Büro, rufe die emails für ihn ab und antworte ggf. auf Englisch. Mit Vera, der Buchhalterin, wird kurz gegenseitiges Gemecker und Informationen ausgetauscht und dann geht‘s wieder nach Hause, oder kurz auf Ämter oder ähnliche Besorgungen machen…
Schon mal ein kurzes Hallo von mir aus der Ukraine, die wirklich nicht weit weg ist. (Leipzig-Uzhorod=1000km im Vergleich zu Uzhorod-Kiev=829km) Wir sind am Sonntag morgen um 6:00h in Leipzig losgefahren und waren am selben Tag um 19:00h hier an der Grenze!
Also alles nicht so wild. Und das im wahrsten Sinne. Grenzüberquerung lief mit gewohnter Gelassenheit und Zollbeamten die mit bösen Blicken probieren zu überspielen, dass sie eigentlich sehr nett sind und die sich mehr Sorgen darüber gemacht haben, dass wir Gras schmuggeln könnten, als dass wir keine notariell beglaubigte Ausfuhrerlaubnis für das Auto hatten.
Auf der anderen Seite der Grenze, die demnach jetzt diese ist, hab ich M. angerufen, mit dem ich zukünftig zusammenarbeiten werde und der der Schwiegersohn von A. A. ist, der wiederum der Leiter der Roma NGO “Romani Yag” ist, in der ich auch mitarbeiten werde.
Aber das beginnt alles erst morgen.
M. sagte, dass er im Hotel „Romani Yag“ (was auch Adam Aladar gehört) sei und wir uns am besten durchfragen und dort hinkommen sollten. Das führte zu wirren Irrfahrten durch Uzhgorod und der Erkenntnis, dass ziemlich viele Jugendliche Englisch sprechen und hilfsbereit sind, aber offensichtlich nicht immer wissen wovon sie reden….
M. hat uns dann vom Bahnhof abgeholt und in mein vorläufiges neues Zuhause gebracht. Das Hotel lässt sich mit Worten nur schwer beschreiben, Fotos müssen gesehen werden, aber ich konnte mir ein staunendes Grinsen gestern den ganzen Abend nicht verkneifen. Alles ist furchtbar neu, pink, orange, goldig und mein Zimmer ist mit dickem Fernseher und Kühlschrank sowie allem anderen was man so braucht (zweites Bett, Auszieh-Doppelcouch für Besuch) ausgestattet. Aber das krasseste ist das Badezimmer mit einer Mega-Bade-Dusche mit Massage Funktionen, die Wasser aus allen erdenklichen Richtungen spritzen lässt, in der es ein Radio gibt und wenn es hier draußen nicht mehr so heiß ist, werde ich bestimmt auch mal die Badefunktionen ausprobieren.
Also diesmal kein Plumsklo.
Nach einer kurzen Ankommpause kamen schnell “Veronika” Rufe aus dem Flur (ich fürchte das wird noch ein wenig dauern bis ich sofort realisiere, dass ich damit gemeint bin) und wir wurden zum Essen im zum Hotel gehörenden Restaurant geholt. Griechischer Salat ist hier immer noch genauso toll wie sonst (und Schopskij Salat in Mazedonien) und wird bestimmt noch öfter auf der Speisekarte stehen. Richtig entspannt war das Essen aber leider nicht, dafür laut und interessant. Optisch ist das Restaurant fast noch opulenter als das Hotel – mit riesigen Bildern an der Wand, die romantisierende Zigeunerstereotype wiedergeben und wahrscheinlich für die gut zahlenden Ukrainer_innen, die dort auch gestern feierten, ein exotisches Flair verbreiten sollen.
Außerdem gab es live Musik mit Keyboard- und Computerbegleitung in einer Lautstärke, dass man sich auch wenn man nebeneinander saß nur in den Pausen zwischen den Liedern kurze Schlagworte zurufen konnte, so dass wir uns bald nach dem Essen und einiger kurzer organisatorischer Absprachen wieder in unsere Zimmer zurückzogen. Jana und Mark (die mich in die Ukraine gefahren haben) haben wohl die Hochzeits-Suite mit Herzchenkissen und Schminktisch. Wirklich sehr erfrischend und auch nur für ca. € 12,- pro Person – falls Interesse besteht trotz gehobener Ausstattung nicht obere Preisklasse.
Wie lange ich hier wohnen bleiben werde ist nicht sicher, den ersten Monat aber auf jeden Fall.
Heute morgen erschienen wir dann etwas verunsichert (wie war das noch mal mit der Zeitumstellung? Im Sommer? Im Winter? Immer?) kurz nach der verabredeten Zeit im Foyer, wo auch gleich unser Gastgeber sehr verwuschelt und mit einer großen Flasche Wasser (die Party im Restaurant schien noch etwas länger gegangen zu sein, oder sie haben intern weiter gemacht…) auf uns zu kam und meinte, dass es eher noch 20 min. mit dem Frühstück dauern würde.
Für morgen also gleich 1 1/2 Stunden später zum Frühstücken verabredet (das kommt davon wenn beide Seiten irgendwie seriös wirken wollen, hätten mal gestern beide ehrlicher sein sollen, dass wir später besser finden… na ja), dafür sehr lecker mit Pfannkuchen mit Marmelade und Sahne und Brot mit wenig Käse und viel Fleisch, Tee und Kaffee.
Dann weiter nach Szernye, wo heute wie in der ganzen Ukraine erster Schultag war, was uns mit vielen großen Schleifen in Haaren von kleinen Mädchen konfrontierte und dazu führte, dass die Kinder auch alle schon ziemlich zeitig wieder zu Hause waren, weil nur damit verbundene Feierlichkeiten, aber kein Unterricht stattfand. Neue Kinder sind in meiner Familie seit meinem letzten Besuch nicht dazu gekommen, gewachsen sind sie alle wahnsinnig und schön war’s wie immer. Nach ein paar Stunden, Kaffee, Bier, Schokolade, mehr Kaffee und Kohlrouladen und dem Austauschen von den letzten Neuigkeiten haben Jana, Mark und ich uns wieder auf den Rückweg nach Uzhgorod gemacht, um auch hier die Stadt noch ein wenig zu erkunden. Das Hotel liegt etwas außerhalb, aber mit dem Fahrrad, dürfte ich nicht viel länger als 10 min. ins Zentrum brauchen. Uzhgorod ist glaube ich ziemlich ok, es gibt nette bewachsene Gassen mit vielen kleinen Läden und süßen alten Häusern, ein wenig am Hügel gelegen, auf dem sich auch die Burg befindet, die wir uns von außen angekuckt haben (und auf der man Jana und mich auf dem foto oben sieht!), genauso wie das daneben liegende Freilichtmuseum, in dem alte Holzhäuser und Kirchen aus den Karpaten aufgebaut sind. Auch dort waren wieder alle Leute sehr freundlich und interessiert daran, was wir denn hier machen.
Danach dann noch kurz einkaufen (Wasserkocher, Becher und Schüssel damit ich mir zukünftig auch alleine was zu essen/trinken machen kann) und in den Supermarkt, der über ein beeindruckendes Sortiment an allem verfügt, was man sich vorstellen kann (in dem man aber leider nicht fotografieren darf) und der auch sehr humane Öffnungszeiten von 8-23h hat.
Bis jetzt alles sehr, sehr angenehm, morgen Mittag fahre ich wahrscheinlich mit A. A. ins Büro um eine weitere Mitarbeiterin zu Treffen und ein Projekt zu planen. Was immer das heißen mag.