Ich setzte mich spontan in den Zug. Irgendwo hinter Uzhgorod, vielleicht in Chop, stieg ein Grüppchen Roma zu mir ins Abteil. Eine Roma-Frau und ein weiterer Familienangehöriger, relativ undefinierbaren Alters, setzten sich in eine Bankgruppe nicht weit von mir entfernt und ein Mädchen und ein kleinerer Junge liefen herum und sammelten Fahrscheine und andere herumliegende Dinge ein. Man spürte förmlich ich wie alle Leute ihre Tasche näher an sich heran zögen. Der Junge blieb ein paar Mal bei mir stehen und schaute auf mich und mein Buch und fragte schließlich, ob das die Bibel sei, die ich lese. Ich verneinte, zeigte ihm den Umschlag.
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Nachdem ich acht Monate in Uzhgorod, der Hauptstdt Transkarpatiens im Westen der Ukraine wohnte und dort in verschiedenen Roma NGOs aushalf, bekam ich Besuch aus Deutschland. Wir beschlossen spontan nach Odessa zu fahren um einen Vorgeschmack auf den nahenden Sommer zu bekommen. Aladar, einer der NGO Leiter aus Uzhgorod bot sofort an seine Freunde dort zu kontaktieren und so wurden wir am nächsten Morgen von Nikolaj, dem Leiter der größten Roma NGO in Odessa am Bahnhof abgeholt. Er begrüßte uns im dezenten Anzug, war freundlich und zurückhaltend und wenn er lächelte blitzte eine Reihe Goldzähne auf.
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Wenn ich hier, Tag ein Tag aus, an meinem Schreibtisch sitze komme ich mir des öfteren so vor als sei ich beim wild-life TV direkt dabei. Die Hunde, die hier nachts auf den Grundstücken gehalten werden, verbringen die Tage spielend, liegend und bellend auf der Straße vor meinem Fenster. Fütterung findet allgemein gegen Mittag statt, wenn die einzelnen Haushalte ihre Essensreste auf die Straße werfen. Seit einigen Tagen, ist die Hündin vom Haus gegenüber läufig und ich kann beobachten wie immer wieder einzelne “Besucher” vorbei kommen, die wedelnd vor dem Tor stehen. Sie kommen in den unterschiedlichsten Farben und Größen, einer der kleineren probierte gestern für mindestens eine Stunde nacheinander alle Löcher und Spalten im Zaun in der Hoffnung aus, doch irgendwo hindurch zu passen und endlich zu seiner Auserwählten zu kommen.
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Viele der Männer sind schon nach Kiev oder Moskau gefahren um dort zu arbeiten, die anderen wollen nächste Woche los – dann wird es bald wieder eine Frauen, Kinder und Rentner Siedlung! Auch die jüngeren Jungen wollen arbeiten gehen – nach Ungarn zur Gurkenernte. Darum hab ich kommenden Dienstag ein Date im ungarischen Konsulat um die nötigen Informationen für sie und ihre Ausreise einzuholen. Die Fotos die ich in Vári gemacht habe, haben alle sehr gefreut und es wurden mir zu fast allen Abgebildeten die Verwandschaftverhältnisse erklärt. Szimonettas Schwiegermutter… Cousine, Tante, Onkel von…. Das tolle türkisfarbene Haus kannten auch alle. Das ist von Donni! Mit seiner Frau waren wir gut befreundet! Und ich dachte ich zeige etwas Neues…
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Nach fünf Tagen im durchaus sommerlichen Vári wurden wir früh morgens von Valera unserem Taxifahrer abgeholt, der uns nach Lupokovo / Ust’ Chorna in die Berge fuhr. Dort ist es wahrlich traumhaft, oder vielleicht eher verträumt, Ausländer wurden in dem kleinen Dorf voller Holzhäuser noch kaum gesehen. Das Dorf ist komplett von Bergen umschlossen und der Weg dorthin qualitativ mit der Schutterpiste nach Szernye zu vergleichen. Die Häuser schlängeln sich in ein bis zwei Reihen am Fluss entlang durchs Tal. Wo man hin sieht befinden sich grüne Hügel, Wiesen, Bäume und Hütten und auf den entfernteren Gipfeln auch noch ein wenig Schnee.
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Nach einer Woche in Vári, einem ungarischen Dorf direkt an der Grenze zu Ungarn (nur durch die Theiss getrennt) sind wir jetzt in den Bergen angekommen. Wir sind Evi und Verena, wobei Evi eine Fotografin ist, die an einem Fotoprojekt über Innenräume bei den Bewohnern Transkarpatiens arbeitet und Verena diejenige, die ein wenig als Übersetzerin in alle Richtungen einspringt. Die Zeit in Vári haben wir bei einer netten Familie verbracht, die wie 24 weitere Familien im Dorf Gästezimmer in ihren Privathäusern eingerichtet haben, die an Touristen vermietet werden können.
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Die Verbindung die die Menschen hier zu Institutionen haben ist einfach eine andere. Um in eine hohe Stellung zu gelangen muss man Geld bezahlen, damit man dann, dafür auch mehr Geld bekommt. Und wenn man dafür erst einmal vom Nachbarn, egal wie geliebt oder verhasst er sein mag, einen Kredit aufnehmen muss dann ist das langfristig dennoch eine gute Investition. Der Polizist, der keinen vollen Lohn erhält, regelt die Dinge dann auch gerne unbürokratisch, wenn das seine persönliche Situation etwas erleichtert. Menschen die schwarz auf Baustellen arbeiten werden nach vollendeter Arbeit von den neureichen Arbeitgebern unbezahlt mit der Pistole vom Grundstück verjagt.
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Mein anderer Kontakt mit der immer wieder überraschenden Außenwelt fand im Fotoladen statt, wo ich endlich die Fotos von der Hochzeit entwickeln lassen wollte, auf die die Leute in Szernye schon so lange warteten. Als ich den Laden betrat grüßte mich die Frau die dort über ihren Büchern saß zurück, sah jedoch nicht auf und füllte fleißig weiter Reihen mit Zahlen und Buchstaben. Ich sah mich in der Zeit etwas um und wartete und wartete und wartete, bis sie mich irgendwann fragte was ich denn wolle und mich in das nächste Zimmer, die Dunkelkammer/das Studio verwies, wo ich aufgefordert wurde mich zu setzen und zu warten, bis sie fertig mit dem Belichten von irgendwelchen Bildern waren.
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Eine andere Freude, die mir fast täglich – und bei schönem Wetter besonders – widerfährt ist der Gang über die Bahnschienen. Radvanka liegt von der Innenstadt gesehen hinter den Bahnschienen und wenn man nicht die große Straße nehmen möchte muss man eben darüber, gelangt an den Fluss (der gerade wenn es taut auch noch wunderschön türkis leuchtet) an dem man dann weiter Richtung Stadtkern spazieren kann. Kommt man von meinem Haus, biegt man von der Straße ab, geht einen matschigen Weg entlang, vorbei an kleinen Hütten und Häusern steigt über den Müll, der sich hinter den Häusern die Anhebung zu den Schienen hinauf sammelt…
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Als sie mich sahen, wurde ich gefragt ob ich nicht auch etwas Geld für ihr Singen dazu geben würde. Ich gab einer ihrer Freundinnen Geld und sie lief nach vorne und gab es einem Mann, der es zu dem bereits gesammelten Geld in ein Behältnis tat. Nachdem alle gesungen hatten wurde das Geld gezählt und jede_r Teilnehmer_in bekam den eigenen Teil überreicht. Zum Sieger wurde die Person gekürt, die das meiste Geld gesammelt hatte. Ich war bestürzt über die Einfachheit dieses Konzepts, das ja im Endeffekt jedem die Möglichkeit gab sich den ersten Platz zu kaufen. Wenn man das Geld danach zurück bekommt, müsste man es nicht einmal selber besitzen sondern könnte es sich auch leihen…
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