Als sie mich sahen, wurde ich gefragt ob ich nicht auch etwas Geld für ihr Singen dazu geben würde. Ich gab einer ihrer Freundinnen Geld und sie lief nach vorne und gab es einem Mann, der es zu dem bereits gesammelten Geld in ein Behältnis tat. Nachdem alle gesungen hatten wurde das Geld gezählt und jede_r Teilnehmer_in bekam den eigenen Teil überreicht. Zum Sieger wurde die Person gekürt, die das meiste Geld gesammelt hatte. Ich war bestürzt über die Einfachheit dieses Konzepts, das ja im Endeffekt jedem die Möglichkeit gab sich den ersten Platz zu kaufen. Wenn man das Geld danach zurück bekommt, müsste man es nicht einmal selber besitzen sondern könnte es sich auch leihen…
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In Uzhhorod war ich aber zunächst nur für 2 1/2 Tage, dann musste ich schon wieder weiter nach Rumänien um dort an einem fünftägigen Seminar für Freiwillige die in Romaprojeken arbeiten und Roma die in Gadje- (= das ist das Romanes Wort für die Mehrheitsbevölkerung) Projekten arbeiten, teilzunehmen. Dabei ist für letztere die Tatsache dass sie Roma sind relativ nebensächlich im Bezug auf ihren Freiwilligendienst und es schien als wussten sie nicht wirklich warum sie eigentlich an diesem Seminar teilnehmen sollten. Sie wollten einfach einen Freiwilligendienst wie alle anderen eben auch machen was sie praktisch ja auch tun. Während des Seminars das als ein Roma-Gadje Dialog gedacht war fand ich es etwas problematisch, dass anfänglich viel Verallgemeinert wurde und wusste nicht genau wie sich die “Roma-Teilnehmer_innen” fühlten ganz ungefragt zu einer Minderheit gezählt zu werden über die die ganze Zeit in der dritten Person geredet wird. Aber im Laufe des Seminars hat sich das gebessert, alle haben mehr oder weniger aktiv teilgenommen, nicht mehr nur aufgenommen sondern auch hinterfragt.
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Bei der Einreise in die Slowakei muss man einige Zollerklärungen ausfüllen. Z.B. über die Zigaretten die man dabei hat, mit Code und Gewicht… das muss man in Ungarn nicht. Aber ich hatte erfahrene Leute dabei, die mir beim Ausfüllen geholfen haben und überraschenderweise alle Ungarisch sprachen, was ich bei dieser Grenze nicht unbedingt erwartet hätte. Offensichtlich wohnen in der Grenzregion in der Slowakei auch sehr viele Ungar_innen. Ob diese doppelte Abhebung zur Zugehörigkeit der jeweiligen Nationalstaaten (Menschen der ungarischen Minderheit pendeln zwischen Ukraine und Slowakei) eine Rolle in ihrem Handeln und Verhalten spielt kann ich nicht sagen, aber von der 3/4 Stunde die diese Grenzüberquerung gedauert hat, könnte ich ewig viele Geschichten erzählen!
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Das ist Transkarpatien. Dass in den Ungarisch-sprachigen Dörfern nach der ungarischen Zeit gelebt wird war ich ja schon gewohnt aber, dass in einer Stadt, wo es Läden gibt an denen die Öffnungszeiten stehen und Behörden u.s.w. auch nach ungarischer Zeit gelebt wird hatte ich nicht in Erwägung gezogen. Nachträglich erfuhr ich, dass wohl nicht alle Menschen dort nach ungarischer Zeit lebten, sondern nur die Angehörigen der Reformierten Kirche, was meine Verwunderung auch nicht wirklich legte. Aber es erklärt wahrscheinlich, dass der Pastor mit dem ich den Tag vorher sprach und der in Munkachevo wohnt, wo die Mehrheit nach ukrainischer Zeit lebt, es nicht für erwähnenswert hielt anzumerken, dass es sich um ungarische Zeit handelt. Puh. Zeitzonen nach religiösem Zugehörigkeitsgefühl also.
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Letzte Woche Mittwoch bin ich in mein neues Zimmer in einem türkisfarbenem neuen Einzelhaus bei einer Romafamilie hier in Uzhhorod gezogen. Das Haus befindet sich im gleichen Viertel wie das Hotel – das Viertel heißt Radvanka und wird hauptsächlich von Roma/Zigeuner_innen bewohnt. Die Frau, der das Haus gehört ist die Schwester von meinem Chef. Für mich ist es immer wieder schwierig die genauen Familienverhältnisse zu erkenn, oder sie in meine deutschen Verständnisstrukturen zu übertragen. Zwar gibt es für alle ungarischen Begriffe eine deutsche Übersetzung, dennoch stimmt diese nicht immer mit unserem Gebrauch der Wörter überein.
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Außerdem hatte ich grade Besuch von der Tochter unserer Buchhalterin (s.u.) die mir eine Einführung in ukrainische Jugendkultur gab. Sie hat einen fast dreiviertelstündigen mehr oder weniger Monolog geführt (ich konnte mich in eine Unterhaltung auf Ukrainisch verbal noch nicht so richtig einbringen). So erfuhr ich aber zum einen, dass ihr Freund “emo” sei (hier als performative Kategorie zu betrachten, die mit einem gewissen äußerlichen Erscheinung in Kombination mit Musik hier: Slipknot und Rammstein einher geht). “Emo” wird “amo” ausgesprochen und es hat eine Weile gedauert bis ich verstanden hatte was sie meint. Sie hört eher Punk (=Avril Lavigne). Die meisten in ihrer Generation hörten aber Hip Hop und tragen Caps und Hosen, deren Schritt in den Knien hängen… kenne ich, kennt ihr, kennt sie.
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…Vorhin war ich beim Bahnhof um nach zu sehen, wann morgen früh ein Zug nach Szernye fährt, wo ich dann voraussichtlich über das Wochenende bleiben werde um noch mal Interviews für meine Magisterarbeit zu führen (auch in der Schule). Neben der Arbeit bei Romani Yag und später wohl auch bei Romani Cherchen möchte ich hier nämlich auch meine Magisterarbeit über die Roma/Zigeuner_innen in Szernye schreiben. Die Arbeit daran läuft ganz gut, hab fast all mein Material was ich in den letzten Jahren geschrieben und gesammelt habe gesichtet und gekürzt und noch zu klärende Fragen rausgeschrieben.
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Überall um mich herum herrscht sympathisches Chaos. Ich sitze grade auf der Terrasse des Restaurants, das zum Hotel gehört, wollte eigentlich Kartoffelspalten mit Käse essen, stattdessen steht jetzt ein großes Bier und eine Suppe voller Speck und Bohnen vor mir. Lecker schon, aber auf diesem Glibschkram im Mund rum zu kauen klappt trotz größter Bemühungen einfach nicht. Jana und Mark, die so freundlich waren mich aus Deutschland mit all meinem Gepäck für ein Jahr mit dem Auto hierher zu bringen mussten leider nach ein paar Tagen wieder zurück, so dass ich Uzhgorod und meine neue, temporäre Heimat von nun an alleine Erkunden muss.
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…Nach einer kurzen Ankommpause kamen schnell “Veronika” Rufe aus dem Flur (ich fürchte das wird noch ein wenig dauern bis ich sofort realisiere, dass ich damit gemeint bin) und wir wurden zum Essen in das zum Hotel gehörende Restaurant geführt. Griechischer Salat ist hier immer noch genauso toll wie sonst (und Schopskij Salat in Mazedonien) und wird bestimmt noch öfter auf meiner Speisekarte stehen. Richtig entspannt war das Essen aber leider nicht, dafür laut und interessant. Optisch ist das Restaurant fast noch opulenter als das Hotel – mit riesigen Bildern an der Wand, die romantisierende Zigeunerstereotype wiedergeben und wahrscheinlich für die gut zahlenden Ukrainer_innen, die dort auch gestern feierten, ein exotisches Flair verbreiten sollen…
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Wie kann man das Leben in Shutka beschreiben? Wie sieht dort die Realität aus? Ich muss sagen, dass ich nach drei Wochen in Mazedonien nur einen kleinen Einblick in das Leben dort gewinnen konnte. Der hier vorliegende Text ist unter dieser Prämisse zu lesen. Er hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist auch nicht objektiv.
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