Uzhgorod 2011 – Erste Eindrücke

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich genau aus der Ukraine zurück kam, aber die Zeit zwischendurch scheint wie ein Augenblinzeln vorbei gegangen zu sein. Gleichzeit habe ich viele Menschen die mir wichtig sind zwischendurch sehen können: Ostern mit der biologischen und nicht-biologischen Familie an der Ostsee, ein Wochenende mit Wahlverwandtschaft bei Hamburg, ein kurzer Besuch in Leipzig und in Berlin habe ich auch mindestens einen Abend/(Eis-)Essen mit fast allen Menschen verbracht, die mir wichtig sind. Dann gab es die großartige MOM- Party, das Wissen, dass unser Magazin und auch das Interesse daran stetig wächst und ganz bald hoffentlich etwas ganz tolles daraus wird.

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Luftballons

Ich setzte mich spontan in den Zug. Irgendwo hinter Uzhgorod, vielleicht in Chop, stieg ein Grüppchen Roma zu mir ins Abteil. Eine Roma-Frau und ein weiterer Familienangehöriger, relativ undefinierbaren Alters, setzten sich in eine Bankgruppe nicht weit von mir entfernt und ein Mädchen und ein kleinerer Junge liefen herum und sammelten Fahrscheine und andere herumliegende Dinge ein. Man spürte förmlich ich wie alle Leute ihre Tasche näher an sich heran zögen. Der Junge blieb ein paar Mal bei mir stehen und schaute auf mich und mein Buch und fragte schließlich, ob das die Bibel sei, die ich lese. Ich verneinte, zeigte ihm den Umschlag.

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hundezirkus

Wenn ich hier, Tag ein Tag aus, an meinem Schreibtisch sitze komme ich mir des öfteren so vor als sei ich beim wild-life TV direkt dabei. Die Hunde, die hier nachts auf den Grundstücken gehalten werden, verbringen die Tage spielend, liegend und bellend auf der Straße vor meinem Fenster. Fütterung findet allgemein gegen Mittag statt, wenn die einzelnen Haushalte ihre Essensreste auf die Straße werfen. Seit einigen Tagen, ist die Hündin vom Haus gegenüber läufig und ich kann beobachten wie immer wieder einzelne “Besucher” vorbei kommen, die wedelnd vor dem Tor stehen. Sie kommen in den unterschiedlichsten Farben und Größen, einer der kleineren probierte gestern für mindestens eine Stunde nacheinander alle Löcher und Spalten im Zaun in der Hoffnung aus, doch irgendwo hindurch zu passen und endlich zu seiner Auserwählten zu kommen.

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frühling in szernye

Viele der Männer sind schon nach Kiev oder Moskau gefahren um dort zu arbeiten, die anderen wollen nächste Woche los – dann wird es bald wieder eine Frauen, Kinder und Rentner Siedlung! Auch die jüngeren Jungen wollen arbeiten gehen – nach Ungarn zur Gurkenernte. Darum hab ich kommenden Dienstag ein Date im ungarischen Konsulat um die nötigen Informationen für sie und ihre Ausreise einzuholen. Die Fotos die ich in Vári gemacht habe, haben alle sehr gefreut und es wurden mir zu fast allen Abgebildeten die Verwandschaftverhältnisse erklärt. Szimonettas Schwiegermutter… Cousine, Tante, Onkel von…. Das tolle türkisfarbene Haus kannten auch alle. Das ist von Donni! Mit seiner Frau waren wir gut befreundet! Und ich dachte ich zeige etwas Neues…

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the state i’m in

Die Verbindung die die Menschen hier zu Institutionen haben ist einfach eine andere. Um in eine hohe Stellung zu gelangen muss man Geld bezahlen, damit man dann, dafür auch mehr Geld bekommt. Und wenn man dafür erst einmal vom Nachbarn, egal wie geliebt oder verhasst er sein mag, einen Kredit aufnehmen muss dann ist das langfristig dennoch eine gute Investition. Der Polizist, der keinen vollen Lohn erhält, regelt die Dinge dann auch gerne unbürokratisch, wenn das seine persönliche Situation etwas erleichtert. Menschen die schwarz auf Baustellen arbeiten werden nach vollendeter Arbeit von den neureichen Arbeitgebern unbezahlt mit der Pistole vom Grundstück verjagt.

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uzhhorod sucht den superstar

Als sie mich sahen, wurde ich gefragt ob ich nicht auch etwas Geld für ihr Singen dazu geben würde. Ich gab einer ihrer Freundinnen Geld und sie lief nach vorne und gab es einem Mann, der es zu dem bereits gesammelten Geld in ein Behältnis tat. Nachdem alle gesungen hatten wurde das Geld gezählt und jede_r Teilnehmer_in bekam den eigenen Teil überreicht. Zum Sieger wurde die Person gekürt, die das meiste Geld gesammelt hatte. Ich war bestürzt über die Einfachheit dieses Konzepts, das ja im Endeffekt jedem die Möglichkeit gab sich den ersten Platz zu kaufen. Wenn man das Geld danach zurück bekommt, müsste man es nicht einmal selber besitzen sondern könnte es sich auch leihen…

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ukraine/slowakei/deutschland/ungarn/ukraine

Bei der Einreise in die Slowakei muss man einige Zollerklärungen ausfüllen. Z.B. über die Zigaretten die man dabei hat, mit Code und Gewicht… das muss man in Ungarn nicht. Aber ich hatte erfahrene Leute dabei, die mir beim Ausfüllen geholfen haben und überraschenderweise alle Ungarisch sprachen, was ich bei dieser Grenze nicht unbedingt erwartet hätte. Offensichtlich wohnen in der Grenzregion in der Slowakei auch sehr viele Ungar_innen. Ob diese doppelte Abhebung zur Zugehörigkeit der jeweiligen Nationalstaaten (Menschen der ungarischen Minderheit pendeln zwischen Ukraine und Slowakei) eine Rolle in ihrem Handeln und Verhalten spielt kann ich nicht sagen, aber von der 3/4 Stunde die diese Grenzüberquerung gedauert hat, könnte ich ewig viele Geschichten erzählen!

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presbyterian women in transcarpathia

Das ist Transkarpatien. Dass in den Ungarisch-sprachigen Dörfern nach der ungarischen Zeit gelebt wird war ich ja schon gewohnt aber, dass in einer Stadt, wo es Läden gibt an denen die Öffnungszeiten stehen und Behörden u.s.w. auch nach ungarischer Zeit gelebt wird hatte ich nicht in Erwägung gezogen. Nachträglich erfuhr ich, dass wohl nicht alle Menschen dort nach ungarischer Zeit lebten, sondern nur die Angehörigen der Reformierten Kirche, was meine Verwunderung auch nicht wirklich legte. Aber es erklärt wahrscheinlich, dass der Pastor mit dem ich den Tag vorher sprach und der in Munkachevo wohnt, wo die Mehrheit nach ukrainischer Zeit lebt, es nicht für erwähnenswert hielt anzumerken, dass es sich um ungarische Zeit handelt. Puh. Zeitzonen nach religiösem Zugehörigkeitsgefühl also.

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im neuen zuhause

Letzte Woche Mittwoch bin ich in mein neues Zimmer in einem türkisfarbenem neuen Einzelhaus bei einer Romafamilie hier in Uzhhorod gezogen. Das Haus befindet sich im gleichen Viertel wie das Hotel – das Viertel heißt Radvanka und wird hauptsächlich von Roma/Zigeuner_innen bewohnt. Die Frau, der das Haus gehört ist die Schwester von meinem Chef. Für mich ist es immer wieder schwierig die genauen Familienverhältnisse zu erkenn, oder sie in meine deutschen Verständnisstrukturen zu übertragen. Zwar gibt es für alle ungarischen Begriffe eine deutsche Übersetzung, dennoch stimmt diese nicht immer mit unserem Gebrauch der Wörter überein.

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ukrainische jugendkultur

Außerdem hatte ich grade Besuch von der Tochter unserer Buchhalterin (s.u.) die mir eine Einführung in ukrainische Jugendkultur gab. Sie hat einen fast dreiviertelstündigen mehr oder weniger Monolog geführt (ich konnte mich in eine Unterhaltung auf Ukrainisch verbal noch nicht so richtig einbringen). So erfuhr ich aber zum einen, dass ihr Freund “emo” sei (hier als performative Kategorie zu betrachten, die mit einem gewissen äußerlichen Erscheinung in Kombination mit Musik hier: Slipknot und Rammstein einher geht). “Emo” wird “amo” ausgesprochen und es hat eine Weile gedauert bis ich verstanden hatte was sie meint. Sie hört eher Punk (=Avril Lavigne). Die meisten in ihrer Generation hörten aber Hip Hop und tragen Caps und Hosen, deren Schritt in den Knien hängen… kenne ich, kennt ihr, kennt sie.

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